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Klassiker der Comic-Literatur : Dumm und frech, das paßt zusammen

Bild: Dargaud Editeur Paris 1975 by Goscinny and Morris © Lucky Comics

In der Gesellschaft der Klassiker ist der Banause der Bösewicht: In René Goscinnys komischem Universum behält Lucky Luke, der passive Westernheld, immer das letzte Wort.

          Er hatte es mit den Klassikern. René Goscinny war ein Virtuose des Zitats, ein Liebhaber der Anspielungen. Dabei streut die Geschichte in den Comic-Geschichten, für deren Szenario Goscinny verantwortlich zeichnete, denjenigen Charakteren keineswegs Rosen, die so belesen sind wie ihr Schöpfer. Das Glück hilft den Tüchtigen, nicht den Gebildeten.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Macht auf dem Piratenschiff, das in jedem Asterix-Heft von neuem versenkt wird, der Greis, der zu jedem Untergang eine Sentenz parat hat, nicht eine besonders traurige Figur? Er weiß doch, daß die Gallier, wenn sie das Meer befahren, den Himmel wechseln, nicht den Sinn, und daher bei der nächsten Begegnung mit derselben Kraft zuschlagen werden. Warum sucht er sich nicht auf dem Trockenen eine Stelle als Bibliothekar? Bei Tifus auf dem römischen Sklavenmarkt wäre für einen wandelnden Zitatenschatz gewiß ein ordentliches Sümmchen zu erlösen. Er geht weiter mit den Banausen baden, weil er zuviel gelesen hat, als daß er sich noch einbilden könnte, die Literatur sei als Lebenshilfe zu gebrauchen.

          Wissen ist Ohnmacht

          Alle Weisheiten der Philosophen laufen in diesem letzten vorchristlichen Moment der Geschichte auf den Fatalismus hinaus. Wissen ist Ohnmacht: Der Alte benimmt sich so, als wäre ihm bekannt, daß er eine literarische Figur ist. Ihm bleibt nichts übrig, als in tadelloser Haltung seine Rolle zu spielen.

          Hell hebt sich von dieser alteuropäischen Melancholie der Selbsterkenntnis die Naivität der Neuen Welt ab. Frank James, der Bruder des Titelschurken in dem Lucky-Luke-Album „Jesse James“, glaubt noch an die weltverändernde Macht des auswendig gelernten Merksatzes. Ihm ist die ganze Welt eine Bühne, und er wartet nur aufs Stichwort für das nächstbeste Shakespeare-Zitat. Die Verbrecherkarriere und der Aufstieg durch Bildung: zwei Varianten derselben Illusion, einer drolligen Überschätzung der Spielräume eigenmächtigen Agierens.

          Scheitern an der eigenen Tücke

          Goscinnys Welt ist ein deterministisches Universum. Das tritt in den Asterix-Alben, die in der Manier eines philosophischen Romans durch Variation der Schauplätze erfreuen, weniger deutlich hervor als in den anderen Erfolgsserien dieses Genies der Koproduktion: den von Sempé illustrierten Geschichten vom kleinen Nick, der von Jean Tabary ins Bild gesetzten Chronik der Putschversuche des Großwesirs Isnogud und den Tätigkeitsberichten von Lucky Luke, dem von Morris erfundenen Westernhelden aus dem Bilderbuch.

          Die Spannung des Lesers, wenn man davon bei Goscinnys parodistischer Veredelung trivialer Erzählmuster überhaupt sprechen will, richtet sich auf die Erfüllung der Form. Auf dem winzigen Raum der Nick-Episoden erfreut die Pointe als Kunststück: Man hätte sich denken können, wie der letzte Satz alle Motive noch einmal zusammenfaßt. In den Isnogud-Geschichten, die zumeist nur acht Seiten lang sind, ist die Variation der Handlung auf Null geschrumpft. Er will Kalif werden anstelle des Kalifen: Mit dieser Selbstaussage des Großwesirs, dem Programm einer denkbar simplen Operation, ist alles gesagt. Mehr geschieht nicht, als daß Isnogud seinen Plan zu realisieren versucht und an der eigenen Tücke scheitert. Ein Grundmuster zumal der französischen Romantradition, das immer schon mit der kühlen Bravour eines mathematischen Beweises daherkam, hat Goscinny auf seine elementare Form zurückgeführt, die zu erzählen fast nichts mehr übrigläßt: die Intrige.

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