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Klassiker der Comic-Literatur : Die eilige Familie: Die Simpsons

Melancholerikervater Homer Simpson Bild: Abbildungen © Bongo Entertainment, Inc. All Rights Reserved. The Simpsons © & TM Twentieth Century Fox. All Rights Reserved

Als die Bilder stehen lernten: Als Fernsehshow sind „Die Simpsons“ universal und menschheitsbildend, doch erst die Comics bieten die Chance, das Einfallsfeuerwerk zu überblicken.

          Man merkt es nicht sofort, niemand stößt einen gewaltsam drauf; es wird vielmehr vom Werk selbst mit geradezu heimtückisch beiläufiger Höflichkeit serviert, ist aber keine Petersilie, sondern eine große Wahrheit.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Simpsons-Kosmos, Matt Groenings auf flächigste Weise abgründige Fernseh- und Comicschöpfung, gehört zu den ganz wenigen Pop-Erzeugnissen, die das tief ins Herz des richtigen Begriffs aller Popkunst eingesenkte Versprechen aktiv herausholen und blühen lassen: Hier werde endlich einmal flächendeckend demokratisch für alle Alters-, Einkommens-, Bildungs- und Gefühlsabteilungen des unendlichen Warenhauses etwas geboten, in dem sich der westliche Mensch seit 1945 seine Seele zusammenkauft.

          So allgemeingültig und menschheitsbildend der in Wirklichkeit leider ständig nur immer verbohrter, segregierter, spezieller und weniger universal werdende freie Westen seinem höchsten eigenen Anspruch nach überhaupt sein kann, so universal und menschheitsbildend sind auch die Simpsons; kein Wunder, daß man staunend über sie lacht: Ach, sieh an, so lebendig sind wir also potentiell doch noch; Glück gehabt.

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          Enorme Wissensmassen

          Das einzig Undemokratische an ihrer Standard-Darreichungsform, der Trickfilmshow, sind die in diesem Format herrschenden Zeitverhältnisse und die sich aus denen ergebende extreme Gedrängtheit der ununterbrochenen Abfolge kompaktester Einfallsfeuerwerke - wer soll das alles mitkriegen? Es ist nicht bös gemeint, man merkt's: „Die enormen Wissensmassen, die hier durchprozessiert werden, lassen die Sendung dennoch nicht elitär werden“, schrieb völlig richtig schon 1999 Deutschlands führender Simpsonianer und Groeningologe Diedrich Diederichsen, dem man in solchen Sachen schon deshalb nicht widersprechen sollte, weil sich sonst ambitionierte Diskurs-Astrologen sofort eine Debatte um Wesen und Bestimmung von Pop und die Zukunft der Bundeskulturstiftung daraus schnitzen.

          Man kann sich, wenn man Simpsons-Schöpfer ist, über das Dilemma des janusgesichtigen Wunsches, einerseits so zeichensatt und verfeinert wie möglich vorgehen und andererseits die berühmten „normalen Menschen“ weder ausgrenzen noch von oben herab erziehen zu wollen, mit etwas Witz ganz gut hinweghelfen - etwa in Gestalt der wahrhaft dämonischen Idee, die geläufige hierarchische Ordnung zwischen Mitte und Rand, Oben und Unten, Mainstream und Underground so häufig wie möglich zu invertieren.

          Gegen Anpassung und Verspießerung

          Während sich konservative Medien-Ökologen in den Vereinigten Staaten und anderswo besonders gern Sorgen um die Verschmutzung frei zugänglicher Unterhaltungsware mit rückwärts auf Platten eingespielten Satansparolen oder vom Konsumentenvieh unbewußt und willenlos wahrgenommenen pornographischen Winzigeinblendungen in der Schnapswerbung machen, ist bei den Simpsons zwar die offen gezeigte Botschaft stets eine der Renitenz gegen Anpassung und Verspießerung, aber dafür mahnen versteckte Subsignale oft genug das Gesittete und Züchtige an.

          So enthüllt in der Folge „The Simpsons 138th Episode Spectacular“ der dröge Conferencier Troy McClure, daß in der Eröffnungssequenz jeder Folge in jenem Moment, in dem das Baby Maggie über eine Supermarktkassen-Preiserfassungsautomatik gezogen wird, die Anzeige nur scheinbar „$ 847,63“ ausweist, in Wahrheit dort jedoch sekundenbruchteilskurz die Losung „NRA4EVER“ flackert - also ein verdeckter Unterstützungsaufruf zugunsten der erzpatriotischen Waffenlobby. Und wer auf der uferlos materialreichen Simpsons-Website unter der noblen Adresse http://www.thesimpsons.com/zombie/ seinen niedersten Instinkten Auslauf gönnen und in einem hirnlosen Ballerspiel die Kadaver halbzersetzter Untoter abschießen möchte, wird unversehens mit den Leichen von Shakespeare und George Washington konfrontiert, zur ästhetischen und staatsbürgerlichen Weiterbildung.

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