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Klassiker der Comic-Literatur : Der Wilde Westen ließ ihm graue Haare wachsen: „Blueberry“

Bild: Dargaud

Hier wird gefälligst mitgealtert: Mit Leutnant Blueberry schuf der Zeichner Jean Giraud ein Selbstporträt der besonderen Art - die erste populäre Comic-Figur, die in Echtzeit alterte.

          Als Wallace Wallet am 14. Februar 1921 ein kleines Bündel auf seiner Türschwelle fand, veränderte sich die Comic-Welt. Denn in dem Bündel lag ein Findelkind, das der grundgütige füllige Wallet auf den Namen Skeezix taufte und an Kindes Statt annahm. Fortan spielte die Zeit eine neue Rolle in der Comic-Geschichte.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Was als reine Marketing-Idee gedacht war - die Einführung eines Babys in einen moderat erfolgreichen Comic-Strip namens „Gasoline Alley“ -, das entpuppte sich als Geniestreich, als dessen Autor und Zeichner Frank King sich entschloß, den kleinen Skeezix fortan beim Aufwachsen zu begleiten. So wurde die erste populäre Comic-Figur geschaffen, die alterte - und das für drei Jahrzehnte sogar in Echtzeit. Von 1921 an wurde in jedem Februar im Rahmen der Handlung Geburtstag gefeiert, Skeezix wurde 1927 eingeschult, sein Adoptivvater heiratete etwas danach und bekam einen zweiten Sohn, später wurde noch eine Tochter adoptiert. Skeezix machte mit sechzehn den Führerschein, suchte sich nach dem Schulabschluß 1939 einen Job und empfand es mit zwanzig Jahren als Ehrensache, sich freiwillig zum Militär zu melden, als die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg eintraten. Den Rest kann man knapp halten: Skeezix heiratete 1943 seine Jugendliebe, wurde prompt selbst Vater eines Sohnes, dieser wuchs auf, heiratete, bekam Kinder - kurz: „Gasoline Alley“ läuft immer noch, Frank King ist längst tot und Skeezix längst Opa.

          Anfangs nur Versatzstücke

          Diese Idee der Chronik eines Lebens hat außer Dave Sims „Cerebus“ keine andere Comic-Serie derart konsequent aufgegriffen, aber Schule sollte „Gasoline Alley“ doch machen. Am erfolgreichsten in jener Reihe, der wir den neunten Band unserer Comic-Klassiker widmen: „Blueberry“. Dabei war das in den ersten Jahren der Serie nicht abzusehen. Als Jean-Michel Charlier 1963 das junge Talent Jean Giraud auf Empfehlung des Altmeisters Jije engagierte, war „Blueberry“ für den längst etablierten Szenaristen nur ein Gelegenheitswerk neben seinen immens erfolgreichen Serien „Tanguy et Laverdure“ und „Barbe Rouge“. So sahen seine Vorlagen für die Abenteuer des Armeeleutnants Blueberry dann auch aus: aus simplen Versatzstücken zusammengefügt und zusammengestohlen bei allen Westernstoffen, deren Charlier habhaft wurde.

          Immerhin entstand dadurch eine geradezu prototypische Erzählweise, die zahlreiche Anknüpfungpunkte an längst vertraute Muster bot und selbst wiederum zum Vorbild taugte (so gibt es ein geradezu unverschämt einfallsloses Plagiat der Auftaktgeschichte von „Blueberry“, das in den siebziger Jahren in Italien gezeichnet wurde und in dem Mickymaus die Rolle des Leutnants spielt). Allerdings hatte Charlier zu Beginn auch einen originellen Einfall, doch ausgerechnet den konnte er nicht umsetzen. Ursprünglich sollte die Serie „Fort Navajo“ heißen und den Handlungsort in den Mittelpunkt stellen. So darf man es als einen Glücksfall bezeichnen, daß sich der disziplinlose Individualist in Uniform überhaupt als Titelheld durchgesetzt hat. Wäre Charliers Konzept realisiert worden, hätte man Blueberry wohl rasch wegen ungebührlichen Betragens degradiert oder gar inhaftiert und Charlier hätte seine Aufmerksamkeit anderen Protagonisten zuwenden können.

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