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Klassiker der Comic-Literatur : Der Büroträumer

Das Schwierigste waren für ihn dabei weniger die Zeichnungen als die Texte. Mit Delporte tat sich Franquin noch ein paarmal zusammen, er nahm Leserideen auf und erklärte sich sogar bereit, weiter Werbecomics mit Gaston als Helden zu zeichnen, weil damit seine Ideen eine klare Richtung erhielten. Gerade in der Variation eines bestimmten Themas sind hierbei Episodenzyklen entstanden, die trotz des absehbaren Schlußgags erstaunlich viel vom Einfallsreichtum Franquins erkennen lassen, denn er ließ es auch in diesen Auftragsarbeiten weder am serienüblichen Aberwitz noch am gewohnt brillanten Zeichenstil fehlen.

„Gaston“ - Franquins Herzensprojekt

Einmal, in den neunziger Jahren, fürchtete Franquin, nie mehr zeichnen zu können. Für die Albenreihe um das Marsipulami, eine überaus beliebte Nebenfigur aus „Spirou und Fantasio“, die mittlerweile eine eigene Serie erhalten hatte, schrieb er noch Geschichten, denn diese Figur gehört vollständig ihm (die Einnahmen dieser kindgerechten Erzählungen und aus den zahlreichen Lizenzprodukten sicherten ihm ein sorgenfreies Alter), und er wollte ihren Geist nicht ganz verraten sehen, wenn er schon die Graphik in andere Hände gab. Aber zu „Gaston“, seiner zweiten eigenen Serie, wollte er auch unbedingt selbst die Bilder anfertigen - als sein Herzensprojekt. Trotzdem hat er auf dem Tiefpunkt seiner Depressionen Kontakt mit dem holländischen Zeichner Daan Jippes gesucht, einem Tausendsassa, der nahezu jeden beliebigen Comicstil perfekt aufzunehmen versteht. Eine Folge schrieb Franquin für Jippes, und dieser gestaltete eine Seite, die man nicht von den anderen hätte unterscheiden können. Doch Franquin stimmte einer Fortführung durch Jippes nicht zu. 1996 starb er, und mit ihm starb auch „Gaston“.

Es gibt nur wenige weltberühmte Serien, die mit ihren Zeichnern ins Grab gesunken sind: Die „Peanuts“, „Corto Maltese“, „The Spirit“ und „Tim und Struppi“ kann man nennen. „Asterix“ und der ohnehin schon eingestellten Stripreihe „Calvin und Hobbes“ wird es genauso gehen. Wo neue Zeichner das Werk fortführten, geschah es nicht unbedingt zum besten der Serien: Die aktuellen Folgen von „Lucky Luke“ sind ebensowenig gelungen wie die der „Schlümpfe“, von „Prinz Eisenherz“ oder „Hägar“. Franquin wußte, was er tat, als er „Gaston“ für eine Fortsetzung nach seinem Tod sperrte, das Marsipulami aber weiterführen ließ. Sein Bürobote war kein Alter ego des überaus fleißigen und aufgeweckten Zeichners, aber eine Vision dessen, wie eine unschuldige Lebensform, als die sich Franquin unsere Spezies erträumte, handeln würde. In ihm haben wir wie in keiner anderen Comic-Serie - und das gilt besonders für die Superhelden - einen guten Menschen vor uns. Gerade deshalb können die Tiere an seiner Seite, die nimmersatte Katze und die misanthrope Lachmöwe, so perfide agieren. In Gastons Liebe zu ihnen steckt die Liebe Andre Franquins zu uns.

ANDRE FRANQUIN: Geboren am 3. Januar 1924 in Brüssel-Etterbeek, gestorben am 5. Januar 1997. Seine Lehrzeit als Comic-Zeichner absolvierte er - nach ersten Versuchen als Trickfilmer während des Zweiten Weltkriegs - von 1945 an bei Joseph Gillain alias Jije. Franquin war der einzige seiner Schüler (außer ihm arbeiteten in Jijes Atelier damals noch Morris und Will), der sich kein Pseudonym nach dem Vorbild des Meisters zulegte. Darin kam eine Überzeugung zum Ausdruck, daß Comics nicht länger ein Genre waren, für das man sich schämen mußte. Ende 1946 wurde er von Jije beauftragt, eine Episode aus dessen Serie „Spirou und Fantasio“ zu zeichnen. Im Jahr danach übernahm er die Serie ganz. Nach einigen Jahren löste Franquin sich von Jijes Vorbild und entwickelte für „Spirou und Fantasio“ lange Abenteuer nach dem Vorbild von „Tim und Struppi“. Mit dem Marsupilami führte er 1951 eine Nebenfigur ein, die sich in Belgien und Frankreich rasch zu einem der populärsten Comic-Charaktere entwickeln sollte, und mit Gaston wiederholte er später dieses Kunststück. Trotz seines Erfolgs litt Franquin wiederholt an Depressionen, die ihn mehrfach jahrelang vom Zeichenbrett fernhielten. In den siebziger Jahren, als er „Spirou und Fantasio“ aufgegeben hatte, fand er mit seinen „Schwarzen Gedanken“ eine neue Ausdrucksform. Durch die Beliebtheit des Marsupilami, dessen Abenteuer mittlerweile als eigene Serie erschienen, konnte er sich in seinen letzten Jahren ganz eigenen Projekten widmen und auch seine Lieblingsserie „Gaston“ in großen Abständen weiterführen.

GASTON: Der verträumte Bürobote erlebte seinen ersten Auftritt im Februar 1957 im belgischen Comic-Magazin „Spirou“ - abseits der dort laufenden Geschichten. Gaston trat als Seitenfüller in einzelnen Illustrationen auf, ohne daß die Leser gewußt hätten, was dieser junge Mann, der auf einzelnen Seiten des Heftes blaue Fußspuren hinterließ, für eine Funktion hatte. Erst nach einigen Ausgaben stellte Franquin die neue Figur vor: als Arbeitssuchenden, der das Glück hatte, als Hilfskraft im Verlag Dupuis, der auch „Spirou“ herausgab, angeheuert zu werden. Aus der Erzählidee, die Gaston als fiktive Persönlichkeit in einem realen Verlagshaus anheuern ließ, entstand ein Teil des Reizes der Serie: Franquin baute im Laufe der Jahre immer wieder Karikaturen von wirklichen Mitarbeitern ein. Doch der große Erfolg entstand, als Gaston sich immer mehr zum Eigenbrötler entwickelte und mit einer festen Staffage aus Nebenfiguren umgeben wurde, die das Gefühl vermittelte, einer geschlossenen Welt zuschauen zu dürfen.

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