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Klassiker der Comic-Literatur : Der Büroträumer

„Le Trombone illustre“ war zu erwachsen für „Spirou“. Nach nur etwas mehr als einem halben Jahr wurde die Beilage wieder eingestellt. Doch Franquin war auf den Geschmack gekommen. Im Magazin „Fluide glacial“ seines Zeichnerkollegen Gotlib führte er die „Idees noires“ weiter, und plötzlich wanderten stilistische Elemente daraus in „Gaston“. Es war in dieser Zeit in den späten siebziger Jahren, als Franquin seine Marotte entwickelte, auch bei „Gaston“ die eigene Signatur in einer Weise zu gestalten, daß sie Charakteristiken der vorhergehenden Erzählung annahm. Außerdem wurde nun auch „Gaston“ bisweilen nachtschwarz - nicht nur in der eingangs erwähnten Folge für Amnesty International, die in den Rahmen einer typisch bunten Gaston-Welt jene beklemmende Traumvision rückt, die an Gnadenlosigkeit direkt aus den“Idees noires“ stammen könnte. Auch ansonsten zeigte sich Gaston politisch engagierter: Er setzte sich für ein Verbot des Walfangs ein, bekämpfte Umweltverschmutzung und Jagd, schlug sich auf die Seite von Obdach- und Mittellosen und fand in dem Polizisten Knüsel als Vertreter der obrigkeitshörigen Staatsdiener den idealen Opponenten. In den regelrechten Parkuhrenkriegen, die Gaston gegen den Schutzmann ausfocht, fanden sich die Schlachten aus den „Idees noires“ wieder, jetzt ins Groteske gewendet.

Die Figuren sind alle Archetypen

Deshalb kann man für „Gaston“ drei Phasen unterscheiden: die von 1957 bis 1969 laufende der Halbseitengags, die vornehmlich auf Slapstick-Humor setzen; die der ersten Ganzseitenepisoden, die von 1970 bis 1977 eine ganze Bürogemeinschaft um den Titelhelden etabliert und damit die Geschehnisse wesentlich abwechslungsreicher und komplexer macht; und schließlich die Phase von 1978 bis zu Franquins Tod, als „Gaston“ zum persönlichen Forum seines Zeichners wurde - und damit zum Sprachrohr für einen entschiedenen und meinungsfreudigen Individualisten, dem kollektive Aktionen ein Greuel waren, der aber jederzeit zur Unterstützung im Rahmen seiner Möglichkeiten bereit war, wenn er einen guten Zweck als seiner Mittel bedürftig erkannte.

Seine Überzeugungen waren keinen Schwankungen unterworfen, und diese Konsequenz besaßen auch die Figuren in „Gaston“. Sie sind alle Archetypen: Demel ist der Inbegriff eines Bürovorstehers, Bruchmüller ein idealtypisch cholerischer Auftraggeber, und wir finden in der Redaktion von „Spirou“, wo sich der Arbeitstag von Gaston abspielt, auch entsprechende Musterbeispiele für „den“ Zeichner oder „den“ Buchhalter. Gleiches gilt bis in die kleinsten Rollen dieses Figurentheaters hinein: bis hin zu den Freunden Gastons, die nur alle paar Monate einmal die Szenerie bereichern, oder bis zu den Haustieren des Büroboten. Es sind zwei: eine hyperlebendige Katze und eine denkbar schlechtgelaunte Lachmöwe. Und gerade weil sie durch zwei vollkommen unterdrückte Eigenschaften Gastons charakterisiert werden, ergänzen sie ihn als Hauptfigur so perfekt.

Gewohnt brillianter Zeichenstil

Franquin schuf sich Gaston nicht nach seinem eigenen Bilde, aber als Bild von einem Idealmenschen. Die Serie war seine Nabelschnur zur Welt, denn in den letzten beiden Jahrzehnten seines Lebens mußte der Zeichner der Depressionen wegen immer häufiger Abstriche an seiner Arbeit machen - und mehr noch an seiner Teilnahme am öffentlichen Leben. Seine Lieblingsserie setzte immer häufiger aus, und jede neue Gaston-Folge war deshalb ein Ereignis.

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