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Klassiker der Comic-Literatur : Der Büroträumer

So hatten die Abenteuer um „Spirou und Fantasio“ als Titelserie des Magazins „Spirou“ die dunkle Stimmung des wichtigsten Redaktionszeichners längst spüren lassen, als Franquin 1970 seine Arbeit daran beendete und nur noch „Gaston“ weiterzeichnete. Auf allgemeinen Wunsch des begeisterten Publikums sollte die bisher übliche wöchentliche Halbseite „Gaston“ nun durch eine ganze ersetzt werden. Dazu aber sah sich der psychisch labile Franquin nicht in der Lage. Doch „Gaston“ bedeutete ihm mittlerweile viel mehr als „Spirou und Fantasio“. Hier erzählte er noch überwiegend eigene Geschichten, und das Konzept der Reihe ließ Raum für allerlei Seltsamkeiten, die im Rahmen von „Spirou und Fantasio“ lediglich bizarr gewirkt hätten. Ein einziges Mal ließ Franquin Gaston in einem Abenteuer von Spirou auftreten: 1965 in „Die Bravo-Brothers“. Das war ein Experiment, wie weit er in der angestammten Serie gehen konnte, und heraus kam eine großartige Geschichte, die er aber genausogut als einzelne Gaston-Folgen hätte erzählen können. Wozu sich dann damit herumschlagen, die beiden Erzählebenen miteinander in Einklang zu bringen?

Irgendwann genügte „Gaston“ allein nicht mehr

So gab Franquin „Spirou und Fantasio“ auf und zeichnete fortan wöchentlich eine Seite „Gaston“. Diese Arbeiten wurden immer detailversessener und akribischer, weil ihnen nunmehr die ganze Aufmerksamkeit eines Zeichners galt, der bislang ein enormes Arbeitspensum absolviert hatte, sich darüber aber auch zu einem Virtuosen des Pinsels geschult hatte. Doch schon nach kurzer Zeit begann Franquin damit, mehr und mehr kleine Randillustrationen für das Magazin „Spirou“ anzufertigen. „Gaston“ allein genügte nicht mehr, und in seinen freien Zeichnungen, mit denen sich das Heft schmückte, bildete sich allmählich eine pittoreske Ungeheuer- und Monsterwelt heraus, die neben dem blühenden Blödsinn der Erlebnisse des Büroboten eine Dimension des wohlig-wahnhaften Grusels schuf.

Aus diesem Geist entstand „Le Trombone illustre“. All die kleinen Schreckgestalten gaben sich hier ein Stelldichein, und in den „Idees noires“ fand Franquin ein Experimentierfeld, das ihm neue Horizonte eröffnete. Er tuschte seine Geschichten mehrmals, legte Schwarzschicht auf Schwarzschicht und kratzte dann in die dick aufgetragenen Flächen dünne Raster und Bewegungslinien, so daß eine geradezu plastische Wirkung entstand, die den Betrachter in eine nachtdunkle Welt entführte, in der Grausamkeit und Zynismus die bestimmenden narrativen Züge waren.

Die Weiterführung der „Idees noires“

Allerdings verriet Franquin dabei nie seine eigenen Überzeugungen: Ein geifernder Befürworter der Todesstrafe wird von seinem eigenen Schiebefenster geköpft, ein gestürzter Jockey erhält von einem Pferd den Gnadenschuß, die brutale Kriegerbesatzung einer Stadtmauer wird von einem noch perfideren Belagerungsgerät der Gegenseite zermalmt. Es sind weniger die Themen als deren drastische Darstellungen, die diese Seiten zu veritablen graphischen Albträumen machen; sie nehmen das Prinzip von Frank Millers „Sin City“ vorweg, das gleichfalls gerade in der Beschränkung auf schwarzweiße Strenge das Blut besonders deutlich macht, das dort vergossen wird, und in der Düsternis der Gestaltung ein visuelles Äquivalent zum Gemütszustand der Figuren schafft.

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