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Klassiker der Comic-Literatur : Der bärtige Geist des freien Unternehmertums: Hägar

Bild: Bulls

Das verstehen Spießer wie wir von den Freuden des freien Räuberberufs: Dik Brownes „Hägar der Schreckliche“, den seine noch schrecklichere Gattin hinaus auf die Weltmeere trieb, könnte Historikern zu denken geben.

          „Was taten diese Wikinger da? Welche plötzliche Kraft trieb diese Piraten aus dem Norden dazu, die Meere und Flüsse Europas unsicher zu machen und alles durcheinanderzubringen?“ Der Oxforder Historiker Hugh Trevor-Roper stellte diese Fragen im dritten Kapitel seines 1965 erschienenen, reich bebilderten Buches über den „Aufstieg des christlichen Europa“.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Trevor-Roper schilderte die Geschichte der mittelalterlichen Zivilisation in der Nachfolge des Aufklärers Edward Gibbon. Die Erfolgsgeschichte des christlichen Europa versteht sich nicht von selbst, folgt nicht einfach aus der Wahrheit des Christentums. So genügt zur Erklärung der Raubzüge nicht die Angabe, daß die Nordmänner arme Sünder waren, daß das Herz des Sünders unruhig ist - und daß es ihm oft eben auch in den Füßen juckt, bevor er ruht in Gott. Erst recht mußte Trevor-Roper eine subtilere geschichtstheologische Sinngebung dieser Pioniertaten des organisierten Verbrechens verwerfen, die Legende, es habe sich bei den Fernreisen um Vorstufen der christlichen Pilgerschaft gehandelt, alle Wasserwege hätten die Wikinger früher oder später ohnehin nach Rom geführt.

          Wir Wikinger sind alte Wandervögel

          Eine Blutmystik, wie sie frühere Generationen kirchenferner Historiker fasziniert hatte, war dem ausgebildeten Altphilologen und früheren Geheimdienstoffizier des Geburtsjahrgangs 1914 vollends fremd. Den germanischen Stämmen mochte Trevor-Roper keinen Urtrieb der Unruhe andichten; es war keine metaphysische Unbehaustheit, was die nordischen Recken aufs Meer hinaustrieb. Wir Wikinger sind alte Wandervögel, hoho! Hätte sich ein Sagafragment diesen Inhalts gefunden, hätte der strenge Quellenkritiker es als Selbstromantisierung abgetan.

          Trevor-Ropers Buch feierte im fernen Spiegel des frühen Mittelalters den Wiederaufstieg Europas nach dem Zweiten Weltkrieg, der sich in der Wirtschaftskraft des Westens, des einstigen christlichen Abendlands, manifestierte. So ist seine Erklärung der Zunahme des Schiffsverkehrs zwischen Nordeuropa und dem Rest der bekannten Welt seit dem Ende des achten Jahrhunderts eine wirtschaftshistorische. Zwar übernimmt er die Spekulation der Forschung, daß nur ein plötzliches Bevölkerungswachstum in Skandinavien die Wanderungsbewegungen möglich machte. Aber in der Hauptsache betont er die Anreize jenseits des Meeres, die Chancen, die der Fernhandel mit den Rivalen des lateinischen Europa, mit Byzanz und dem Islam, dem Geist des freien Unternehmertums eröffnete. Die Gier nach Gold macht die Menschen mobil. Acht Jahre nach der Veröffentlichung von Trevor-Ropers Buch stand der Grund für den Bewegungsdrang des Nordmannes in der Zeitung. Dik Browne begann seine Chronik von Hägar dem Schrecklichen.

          Helga, die Schrecklichere

          Was tat dieser Wikinger da? Welche Kraft trieb diesen Piraten dazu, die Meere und Flüsse der ganzen Erde unsicher zu machen? Seine Frau. Helga, die Schrecklichere. Wobei man das Ausmaß des von ihr ausgehenden Schreckens daraus ersieht, daß sie den Ehrentitel nicht nötig hat. Hägar dagegen muß sich schon mit seinem Beinamen vorstellen, wenn er beim Landgang in Britannien den arroganten Lords auf den Zinnen ihrer Kastelle verdeutlichen will, mit wem sie es zu tun haben. Sehr eindrucksvoll findet man sein langsames Erscheinen nicht, wenn er seine seekranke Truppe kaum überreden kann, das Schiff zu entladen und den Rammbock zu schultern.

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