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Klassiker der Comic-Literatur : Das Millionenspiel um einen Helden

Dem ideologischen Schlachtfeld ferngeblieben

Superman bekam dieser Gewaltverzicht nicht gut. In jenen Jahren, als zahlreiche Plagiatoren Figuren wie Captain Marvel, Captain America, den Submariner oder Daredevil schufen, blickte Amerika voller Sorge über den Ozean in ein Europa, in dem Krieg herrschte. Fast alle bedeutenden Superhelden-Zeichner und ihre Verleger waren Juden, und zahlreiche unter ihnen widmeten ihre neuen Serien zu ideologischen Schlachtfeldern um, wo die Verteidiger der Demokratie mit Superkräften gegen den europäischen Faschismus zu Felde zogen.

Nicht so Superman, denn er hatte sich ja in seinen Kämpfen mit Gegenspielern als Gentleman zu beweisen. Wo Captain America Hitler kurzerhand einen Kinnhaken verpaßte, achtete Superman auf Recht und Gesetz und führte Hitler samt Stalin dem Gericht des Völkerbundes vor, wo über sie ein faires Urteil gefällt wurde. Und diese zweiseitige Geschichte erschien im Februar 1940 nicht einmal in einem Superman-Heft, sondern als Auftragsarbeit in der Zeitschrift „Look“. Detective Comics selbst hütete sich, seine Helden politisch vereinnahmen zu lassen.

Das Fernsehen bringt ihm neuen Schwung

So zog die meinungs- und kampffreudigere Konkurrenz an Superman vorbei. Selbst der verlagsinterne Konkurrent Batman wurde populärer als jene Figur, die den ganzen Superheldenboom erst ausgelöst hatte. Sie wirkte nun rückwärtsgewandt und überholt, und es war kein Wunder, daß ihr Beiname „Der Mann von morgen“, den der von Science-fiction besessene Siegel seinem Helden verpaßt hatte, schon Anfang der vierziger Jahre zum „Mann aus Stahl“ mutierte. Von Superman schien keine Inspiration für das Genre mehr zu erwarten.

Mit dieser Bürde ging der Held in die Zeit nach Siegel und Shuster - und warf sie ab. Wie von 1940 an das Radio ausschlaggebend für den Erfolg der Figur gewesen war, so wurde es nun das Fernsehen, wo Superman von 1951 an eine eigene Serie erhielt, die sechs Jahre lang auf Sendung blieb. Mit dem Abschied von seinen Erfindern war der Weg auch frei für neue Autoren und Zeichner. Curt Swan sollte in den sechziger Jahren das Comic-Bild von Superman so gestalten, wie wir es heute noch kennen: nicht mehr krude und im Stil der stilisierten Zeitungscomics a la „Dick Tracy“, denen Shuster ästhetisch nachgeeifert hatte, sondern realistisch, denn es galt ja, dem Fernseh-Superman zu entsprechen. Und als 1978 die Verfilmung von Superman zu einer Kinosensation heraufgeschrieben wurde, stand die Figur auch wieder an der Spitze des Comic-Geschehens.

Supermans Tabus werden heute im Kinder-TV gebrochen

Seitdem sind einige der interessantesten Abenteuer mit Superman erschienen, denn der Nimbus des Gründervaters der Heldenwelt ließ die Autoren nicht los. Aus den ethischen und dramaturgischen Beschränkungen der Figur zogen sie den Anreiz, besonders subtile Geschichten zu entwickeln, die selbst dem Handeln eines Unbesiegbaren noch Spannung abgewinnen konnten. Und im Rückblick haben wiederum auch die allerfrühesten Geschichten neuen Reiz durch ihre Unschuld gewonnen. Damals glaubte man Jugendlichen noch etliches zumuten zu können, was heute undenkbar wäre. Umgekehrt hielt man aber auch Tabus ein, die heute schon im Kinderfernsehen gebrochen werden.

So ist Superman auch eine Chronik der Jugendkultur, ihrer Träume und Ideale, ihrer Moden und Verhaltensweisen: gespiegelt in einem Außerirdischen, der gerade durch seinen Außenseiterstatus zur Identifikationsfigur von Heranwachsenden taugt. Und es wendet sich prinzipiell alles zum Guten. Selbst Siegel und Shuster machten als alte Männer ihren Frieden mit Detective Comics, nachdem der Verlag in den Warner-Konzern eingegliedert worden war. Nach einer Kampagne, die von Fans und jungen Zeichnern betrieben wurde, wurden die Namen der beiden Schöpfer von Superman wieder in jeder Geschichte genannt, und das Unternehmen setzte ihnen 1977 eine jährliche Rente von jeweils 35.000 Dollar aus. Rechtzeitig, bevor der Film wieder einige Milliönchen einspielte.

Jerry Siegel : Geboren am 17. Oktober 1914 in Cleveland, gestorben am 28. Januar 1996 in Los Angeles. Schon 1933 konzipierte er gemeinsam mit seinem Schulfreund Joe Shuster die Figur Superman, konnte sie jedoch erst fünf Jahre später bei einem Verlag unterbringen.

Joe Shuster : Geboren am 10. Juli 1914 in Toronto, gestorben am 30. Juli 1992 in Los Angeles.

Superman : Er ist nach der Zerstörung seines Heimatplaneten Krypton einer der wenigen Überlebenden, weil ihn seine Eltern als Baby mit einem Raumschiff zur Erde evakuiert haben. Dort wächst er unter dem Namen Clark Kent bei einem alten Bauernpaar in der Provinzstadt Smallville auf. Seine außergewöhnlichen Fähigkeiten befähigen ihn zu Rettungstaten aller Art. Die erste Geschichte mit Superman erscheint in der Debütausgabe der Heftserie „Action Comics“ im Jahr 1938.

Als Ort der Handlung wird bald eine Stadt namens Metropolis bestimmt, in der Clark Kent eine Anstellung als Reporter gefunden hat. Schnell gruppiert sich um den Helden eine Reihe von wiederkehrenden Nebenfiguren, so der Redaktionskollege Jimmy Olsen, der Chefredakteur Perry White und vor allem Supermans heimliche Liebe Lois Lane sowie seine Jugendfreundin Lana Lang. Neben diesen Freunden tritt jedoch auch eine Riege der unterschiedlichsten Gegner in Erscheinung.

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