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Klassiker der Comic-Literatur : Blaumachen fürs Gemeinwohl: Die Schlümpfe

Bild: Abbildungen aus dem vorgestellten Band

Schlumpfsein bedeutet niemals Einzelschlumpfsein, sondern stets Mitschlumpfsein: Warum es sich bei den blauen Däumlingen aus dem Dorf Schlumpfhausen eigentlich um Maoisten handelt.

          Wer zum Zeitpunkt der Berufswahl, des Erreichens der Geschlechtsreife oder des Erwerbs eines Reifezeugnisses - je nachdem, was zuerst kommt, da sind die Kulturräume bekanntlich verschieden - noch kein Schlumpf ist, wird keiner mehr.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Denn alles, was, wie diese biographischen Wendepunkte, Personen aus ihrem Eigensinn heraushebt und zu öffentlichen Recheneinheiten in der Selbstherstellung und -erhaltung der Gesellschaft macht, berührt auf fundamentale Weise ihren Schlumpfstatus. Schlumpfsein nämlich bedeutet niemals Einzelschlumpfsein, sondern stets Mitschlumpfsein. Ein Schlumpf allein wäre gar keiner, nur ein unbeschriebenes Blatt - die weiße Hose und die weiße Mütze sind nicht nur Anzeichen dafür, daß sich ein Schlumpf selten dreckig macht, sondern auch Merkmale des herzig Indifferenten, lieb Austauschbaren, putzig Fungiblen. Das Verstockte am Individuellen, der Bereich, zu dem niemand Zutritt hat und der keinen was angeht, ist im Leben des Schlumpfs bestenfalls ein niedlicher Annex seines öffentlichen Treibens - ein bißchen verkümmert, wie das typische Stummelschwänzchen.

          Geschlecht und Beruf haben bei den Schlümpfen allerdings nicht wie bei uns Menschen den Sinn, das Subjekt auf einen Pool gemeinsamer und deshalb umkämpfter Ressourcen - paarungswillige Partner, Arbeitsgelegenheiten - zu verweisen, um welchen sie in Konkurrenz treten können. Es sind dies für Schlümpfe vielmehr nahezu inhaltsleere, sozusagen rein ikonographische und typologische Unterscheidungsfilter - daß die meisten Schlümpfe männlich sind, wüßte niemand, wenn der Schöpfer nicht mit Schlumpfine (in harmloseren, noch weiter desexualisierten Versionen heißt sie gar „Schlumpfinchen“) extra einen weiblichen Schlumpf eingeführt hätte.

          Jeder wurstelt vor sich hin: Schlumpfhausen

          Ein Geschlecht, um komplett zu sein

          Es ist freilich müßig, sich deswegen, wie das die Jugendlichen im Kultfilm „Donnie Darko“ (2001) tun, schweißtreibende Gedanken über Polygamie und Gruppenunzucht bei den blauen Wichteln zu machen. Die richtige Deutung der für Pubertierende extrem herausfordernden Situation „Ein Weibchen - zahllose Männchen“ liegt bei den Schlümpfen nämlich gar nicht im Bereich der Handlungsoptionen von Leuten zeugungsfähigen Alters, sondern in demjenigen kindlichen Denkens: Ein intelligentes Lebewesen braucht, so lernen kleine Menschen, schon deshalb, weil alle Geschwister, anderen Kinder, Eltern, Tanten, Onkel und sonstigen Erwachsenen angeblich eins haben, grundsätzlich ein Geschlecht, um komplett zu sein. Schon die Unschuldigsten sprechen daher etwa bei Lego- und Playmobil-Figuren oder Zinnsoldaten von „Männchen“ statt von „Menschlein“. Mit Ferkeleien hat das also nichts zu tun.

          Dem geschilderten geschlechtlichen funktionalen Neutralitätszusammenhängen analog gilt im Schlumpfbezirk für die Berufe: Arbeitsteilung wird als parteiloses Naturgesetz verstanden. Den Hammer, die Sichel oder den Pinsel muß das Subjekt vor allem deshalb mit sich herumtragen, damit ich, wenn ich ihm begegne, weiß, wen ich da vor mir habe, nämlich den Hammerschlumpf, den Sichelschlumpf oder den Pinselschlumpf.

          Das Universalverb „schlumpfen“

          Ein gewollter Nebennutzen dieser Kennzeichnung durch Tätigkeiten, welche schon deshalb in all ihrer Ausdifferenziertheit letztlich doch wieder bloß das Gemeinwesen zusammenhalten und keinen Eigensinn befruchten, weil sie untereinander so beliebig austauschbar sind, daß die Schlumpfsprache für grundverschiedene Aktionen wie Hämmern oder Malen im Zweifelsfall das Universalverb „schlumpfen“ empfiehlt, ist der administrative: Die Quasi-Zunftordnung hilft Papa Schlumpf, dem wohlmeinenden bärtigen Diktator mit rotem Mützchen und roter Hose, seine Schlümpfe unterscheiden und ihnen ihre Taten zurechnen zu können, damit im Fall der Verfehlung Tadel oder Bann nicht den Falschen in die Schäm-dich-Ecke stellen. Worauf dies alles hinausläuft, ist auch bei kursorischster Kenntnis der jüngeren Geschichte nur allzu klar: Wir haben es hier, da beißt die Maus keinen Faden ab, mit Maoisten zu tun.

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