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Klassiker der Comic-Klassiker : Ihm ist ganz kannibalisch wohl: Strizz

Bild: Volker Reiche

Eine schöne bürgerliche Geschichte: „Strizz“ ist ein Angestellter, der sich nicht so anstellen will. Was aus Volker Reiches Serie einen Comic-Klassiker zu Lebzeiten gemacht hat.

          Der italienische Comic-Zeichner Hugo Pratt, dessen „Corto Maltese“ die Geschichte des ganzen Genres veränderte, hat in einem 1989 geführten Gespräch auf die Frage, was dem Comic für einen großen Durchbruch beim breiten Publikum fehle, geantwortet: „Es fehlt Raum in den großen Tageszeitungen und Nachrichtenmagazinen, die nicht den Mut haben, einen eigenen Comic für ihr Publikum herauszubringen. Warum veröffentlicht eine große bürgerliche Tageszeitung nicht eine schöne bürgerliche Geschichte?“ Dreizehn Jahre später erschien „Strizz“.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Es mag vermessen klingen, das eigene Produkt als Modell für die Lösung des von Pratt festgestellten Defizits anzubieten. Aber „Strizz“ ist nun einmal genau das, was er verlangt hat: ein Comic, der für eine bürgerliche Klientel gezeichnet wird; eine Serie, die in einer großen Tageszeitung reüssiert, in der es keine Comic-Tradition gegeben hatte und deren Leser eher als Skeptiker gegenüber Neuerungen, die man auch als modisch begreifen könnte, galten. „Strizz“ aber erwies sich seit seinem Start als dauerhafter Erfolg, wie nicht nur die große Zahl begeisterter Leserzuschriften beweist, sondern auch die Wirkung, die Volker Reiches Comic über die Spalten der F.A.Z. hinaus entfaltet hat. Die Serie zählt mittlerweile zu den bekanntesten ihrer Art in Deutschland.

          Die Zeit in Striche fassen

          Was macht „Strizz“ so besonders? Was verleiht ihm sogar Klassikerstatus? Zunächst seine Originalität. Man mag sagen, daß es schon viele Angestellten-Comics gegeben hat, angefangen von „Blondie“, den Chic Young 1930 begründet hat. Doch die männliche Hauptfigur dieser Serie, Dagwood Bumstead (auf deutsch etwas dümmlich Dankwart genannt), ist zwar tatsächlich wie Strizz Büroangestellter, doch die Serien haben darüber hinaus nur das eine gemein: die Kannibalisierung ihrer Epoche. Oder positiver mit Hegel variiert: daß sie jeweils ihre Zeit in Striche fassen.

          Das allerdings ist ein hoher Anspruch. Sehen wir uns dazu zunächst Blondie selbst an, die Gattin von Dagwood Bumstead und Titelfigur von Youngs Comic strip. Entstanden ist die Serie aus einer Tradition von humoristischen Familienserien, die mit „The Family Upstairs“ von George Herriman oder „Bringing Up Father“ von George McManus - um nur zwei besonders gelungene zu nennen - bis in die Frühzeit der Zeitungs-Comics zurückreicht und die jüngeren weiblichen Akteure auf möglichst attraktive Weise ins Bild zu setzen pflegte, während die älteren Damen meist als hysterische Matronen dargestellt wurden. Diese Rollenklischees sind typisch für die Comic strips der Vorkriegszeit, die sich sowohl an Vorbildern der alten Humorzeitschriften als auch an damals aktuellen Stummfilm-Komödien orientierten - und somit an zwei Leitmedien, die nicht gerade viel Wert auf ausgefeilte Charakterzeichnungen legten.

          Souveräner als die Männer

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