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Comic-Salon : Die Farben des Abgrunds

  • -Aktualisiert am

Am Horizont das Unheil: das Cover von „Black Hole“ des Amerikaners Charles Burns. Bild: Charles Burns/ Comic-Salon Erlangen

Der Erlanger Comic-Salon ist ein geschäftiges Gesamtkunstwerk, das alle zwei Jahre stattfindet. Dieses Mal sind Massenmord und Politik die Themen der Stunde.

          Kunst und Kommerz, Klebebildchen und Kostüme - der Erlanger Comic-Salon ist ein geschäftiges Gesamtkunstwerk, das alle zwei Jahre zu Fronleichnam Freunde der neunten Kunst versammelt, um alle Facetten und Randgebiete der Bilderzählung aufzuzeigen. Die „Comic-Brut“ (Hella von Sinnen) umfasst betagte Piccolo-Sammler ebenso wie die bunt gewandeten Teenager, die am Vorentscheid der deutschen „Cosplay-Meisterschaft“ teilnehmen.

          Doch auch dem ernsthaften Interessenten an der Kunstform wird mehr geboten, als man in vier Tagen wahrnehmen kann. Künstlergespräche, Podiumsdiskussionen, Workshops, Comicforschung - allein mit den mehr als zwanzig Ausstellungen kann man sich lange befassen. Zu den kuratorischen Höhepunkten gehört die weitgereiste Sammlung mit Werken des Amerikaners Charles Burns („Black Hole“), der mit seinem markanten Strich gern ein Schattendasein in Amerika darstellt. Oder der graphisch ähnlich gelagerte Franzose David B. („Die heilige Krankheit“), dessen Ausstellung auf die im deutschen Sprachraum erschienenen Comics abhebt.

          Viel Schwarz im Märchenwald

          Auffallend ist ein Trend zu harten Themen, die oft mit viel Schwarz - ob Tinte oder Kohlestift - gezeichnet werden. Der für sein Lebenswerk mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnete Italiener Lorenzo Mattotti präsentiert Visionen aus dem Märchenwald von „Hänsel und Gretel“. Ein Dutzend großformatige Bilder, viel Schwarz - zu kuratieren gibt es hier nicht viel, aber auch dies ist ein visuelles Erlebnis. Während die meisten Ausstellungen sich mit der künstlerischen Vergangenheit befassen (Winsor McCay, fünfzig Jahre „Spider-Man“), zeigt eine Schau Werke, die keine Woche alt sind. Das „Black.Light Project“ visualisiert mit Fotos, Texten, Animationen und Comics einen Massenmord in Sierra Leone, wo ein einziger Überlebender eines komplett vernichteten Dorfes, der Junge Morie, von den Tätern verschont und mit menschenverachtendem Zynismus zum Oberhaupt des Dorfes erklärt wird. Ausgehend von Bild- und Textreportagen von Wolf Böwig und Pedro Mendes trafen sich zu einem Workshop Künstler wie George Pratt, Stefano Ricci oder David von Bassewitz mit den Initiatoren und einem Zeitzeugen der Verbrechen - die ersten Ergebnisse dieses Projekts waren schon zu begutachten. In diesem Umfeld wirken die filigranen tanzenden Skelette des aus Braunschweig stammenden Felix Pestemer zum mexikanischen Tag der Toten („Der Staub der Ahnen“) fast optimistisch. Oder zumindest bunter. Die größte Ausstellung zeigte übrigens „Comics aus der arabischen Welt“. Nicht per se politisch, aber sicher durch den arabischen Frühling motiviert.

          Joe Saccos Gaza-Reportage

          Massenmord und Politik sind zwei Themen, die in den Comics des 20. Jahrhunderts noch keine so große Rolle spielten wie heute. Bei den Max-und-Moritz-Preisen wurde als internationales Album Joe Saccos „Gaza“ (Edition Moderne) ausgezeichnet, eine nicht kolorierte Comic-Reportage über die Morde an Palästinensern im Jahre 1956. Den Preis für eine deutsche Publikation erhielt Simon Schwartz für „Packeis“ (avant-verlag), eine geringfügig fiktionalisierte Geschichte des vielleicht ersten Menschen am Südpol, der aber aufgrund seiner Hautfarbe übergangen wurde. Bis auf zwei Blautöne abermals schwarz-weiß, diesmal aber in einem freundlichen Retro-Stil. Weitere Preisträger: Isabel Kreitz als mittlerweile dritte Frau neben einem Dutzend über die Jahre ausgezeichneter männlicher, deutschsprachiger Comic-Künstler, die Verlegerin Rossi Schreiber („Schreiber und Leser“), das „Ampel Magazin“ der Hochschule Luzern als studentische Publikation, „Schöne Töchter“ von Flix („Tagesspiegel“) als Zeitungsserie sowie „Das tapfere Prinzlein und die sieben Zwergbären“ (Émile Bravo, Carlsen) als bester Comic für Kinder - das bunte Gegenmärchen zu Mattotti. Daniela Winkler wurde für ihren deutschen Manga „Grablicht“ (Droemer Knaur) ausgezeichnet. Angesichts einer sehr netzaktiven Künstlerin, deren Werk auch als Webcomic erscheint, sollte man hier aufgrund des viralen Schneeball-Prinzips, das schon Bud Spencer ein Schwimmbad bescherte, das Abstimmungsverfahren überdenken und sich die Frage stellen, ob das Ergebnis einer Internetabstimmung tatsächlich demokratisch und qualitativ vertretbar ist.

          So wie die Ausstellungen und Auszeichnungen die Errungenschaften feiern, werfen die Neuerscheinungen der Comic-Messe einen Blick in die Zukunft. Graphisch und editorisch ungewöhnlich ist eine weitere Comic-Reportage. „Im Land der Frühaufsteher“ von Paula Bulling befasst sich mit einem Asylantenheim in Sachsen-Anhalt, abermals in Schwarzweiß, mit Grautönen.

          Eine Kindheit in Polen

          Für viele das Ereignis des Salons war derweil die Edition des Verlags Panini, der vom großen, 52 Monatshefte umfassenden Neustart von DC Comics, der Heimat von Batman und Superman, immerhin neunzehn (fünf in Heftform, der Rest in Paperbacks) auf den deutschen Markt bringt. Nebenbei hatte Panini ein Stickeralbum zum Salon in petto - eine längst obligate Aktion, die Zwölfjährige ebenso wie einstige Jury-Mitglieder durch die Stadt pilgern lässt. Doch auch Panini bringt eine Graphic-Novel heraus: In „Marzi“ schildert die Polin Marzena Sowa ihre Kindheit im Polen der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Der Zeichner ist ihr Freund, Sylvain Savoia. Ihr Buch ist eine Art sanftere und mit Rottönen warm gehaltene Variante von Marjane Satrapis „Persepolis“ (2004 in Erlangen ausgezeichnet).

          Und so kann man alle zwei Jahre in Erlangen hautnah miterleben, wie sich die Kunstform Comic weiterentwickelt - mit einigen seltsamen Auswüchsen, aber verglichen mit anderen narrativen Künsten, die ihre ernsthafteren Zeiten schon hinter sich zu haben scheinen, durchaus vielversprechend.

          Ein halbes Dutzend der Ausstellungen wird nach dem Comic-Salon im Kunstmuseum und in Ausstellungsräumen von Siemens in Erlangen bis Ende des Monats fortgesetzt.

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