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Comic : Die Rückkehr von Dig, Dag und Digedag

Die Geister, die ich rief: Hannes Hegen skizziert den venezianischen Karneval Bild: Foto Götze/Lang, Archiv Hannes Hegen

Ohne Hannes Hegen hätte es in der DDR keine Comics gegeben. Lange galten seine Zeichnungen als vernichtet. Jetzt schenkt der „Mosaik“-Schöpfer sein gesamtes Werk dem Haus der Geschichte. Doch wird man ihm dort auch gerecht?

          Heute wird vor dem verwunschenen Garten eines alten Doppelhauses in Berlin-Karlshorst ein Lastwagen halten. In ihm wird eines der umfangreichsten Werke der Comic-Geschichte verstaut und nach Leipzig transportiert: Tausende Originalseiten, unzählige Skizzen, Entwürfe und Vorstudien und dazu ein bislang unbekanntes zeichnerisches Werk, das nur dadurch einen Bezug zum Comic hat, als dass dies die Fingerübungen eines der wichtigsten deutschen Comic-Pioniere sind. In den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren hat er an der Hochschule für Graphik und Buchkunst in Leipzig bei Walter Arnold studiert, und zu seinen Kommilitonen zählten Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer. Er selbst heißt Johannes Hegenbarth, doch in den Geschichtsbüchern des Comics steht er als Hannes Hegen - der Mann, der dafür sorgte, dass es in der DDR überhaupt Comics gab. Auch wenn sie nicht so heißen durften.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Hegen ist eine lebende Legende, denn seit den frühen neunziger Jahren verweigerte er sich der Öffentlichkeit. Das hatte nicht den Grund, den man bei Prominenz aus der DDR nach der Wende annehmen könnte. Im Gegenteil: Hegen ist, nach allem, was man weiß, geradezu das Modellbild eines unangepassten Künstlers gewesen, der gegen teilweise heftigsten Widerstand der offiziellen Kulturbehörden seine eigenen Vorstellungen durchgesetzt hat - so lange, bis er des Kampfes müde wurde. 1975 wich er dem immer stärkeren staatlichen Druck aus und zog sich zurück. Da war er gerade fünfzig geworden, und seine wichtigste Schöpfung, das monatlich erscheinende Bilderheft „Mosaik“ hatte 223 Ausgaben erlebt und war bei einer Auflage von je einer halben Million angekommen. Wenn man nur mit drei Lesern pro Heft rechnet, lasen damals im Verhältnis mehr DDR-Bewohner das „Mosaik“ als heute Bundesbürger die „Bild“-Zeitung.

          Umkämpfte Fluchtwelten

          Was fanden sie darin? Fluchtwelten. Die Digedags, drei jugendliche Helden namens Dig, Dag und Digedag, verfügten über die beneidenswerte Eigenschaft, Zeitreisen unternehmen zu können. So bereisten sie das alte Rom (erst einige Jahre später sollte „Asterix“ erscheinen), den Nahen Osten der Kalifenzeit oder den Wilden Westen Amerikas - all die Länder, die normalen Bürgern der DDR verboten waren. Einmal, kurz nach dem sowjetischen „Sputnik“-Triumph, ging es auch in die Zukunft, und Hannes Hegen zeigte auf dem fernen Planeten Neos eine Weltvision, die zwar einen für die Zensoren akzeptablen Gesellschaftsentwurf bot, aber gerade in der perfekten Modernität der Technik und der Farbenprächtigkeit des Lebens einen denkbar drastischen Kontrast zum trister werdenden DDR-Alltag bot. Was im All vorgeführt wurde, war kein Kommunisten-, sondern ein Konsumententraum.

          Die Digedags: Rasende Reporter durch Raum und Zeit.

          Mehrfach bemühte sich der Staat, Hegen aus dem „Mosaik“ zu verdrängen, doch der Zeichner hatte nach traurigen Erfahrungen mit einer ersten Comic-Figur, die er zwar entwickelt, mit der aber ein staatlicher Verlag das dicke Geld verdient hatte, die Digedags 1955 als seine Erfindung und damit auch sein Eigentum eintragen lassen. Wann immer ihm also nahegelegt wurde, die Leitung des „Mosaiks“ abzugeben, drohte er, das Erscheinen der Digedags zu untersagen. Und so geschah es 1975 auch schließlich; fortan traten die Abrafaxe - gleichfalls drei junge Zeit- und Weltreisende - an die Stelle der alten Helden. Doch das Plagiat war kein Ersatz für das Original.

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