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Comeback der Nostalgie : Hilfe, wir wollen zurück zu den Alten

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Meryl Streep geht mit ihrem Oscar von der Bühne. Die 62-jährige verdankt ihren nunmehr dritten Oscar den alten sowie den jungen Fans Bild: dapd

Popmusiker machen mit sechzig, siebzig und sogar achtzig ihre Platten; bei den Oscars triumphieren ebenfalls die Alten. Sind wir zur Nostalgie verdammt? Analyse eines beunruhigenden Lebensgefühls.

          Es begann schleichend: Im Frühjahr 2011 belegte die niederländische Jazzpopsängerin Caro Emerald mit „A Night like this“ Spitzenplätze in der deutschen, österreichischen und Schweizer Hitparade. Überraschend wie dieser Steilflug einer zuvor Unbekannten war der musikalische Stil - das Lied ist ein lupenreiner Mambo, von Caro Emerald so feminin gesungen wie Mambos in den fünfziger und sechziger Jahren. Vier Monate später folgten die Vereinigten Staaten mit dem Überraschungserfolg einer Sängerin, die vor mehr als einem halben Jahrhundert so manchen Mambo aus der Taufe gehoben hatte: Im Alter von 86 Jahren kehrte Doris Day mit dem Album „My Heart“ in die Charts zurück.

          Inzwischen ist die Wiederkehr des und der Alten ein Zeitzeichen: England schickt im Mai den verschollen geglaubten Popbarden Engelbert (76) zum „Eurovision Song Contest“, das „Zeit-Magazin“ widmet gerade seine Titelgeschichte dem fünfundachtzigjährigen Harry Belafonte, und Lys Assia (88), die vor Urzeiten, 1956, beim ersten Song Contest, damals noch „Grand Prix Eurovision de la Chanson“, siegte, unterlag zwar beim diesjährigen Schweizer Vorentscheid, wurde aber als Beweis dafür bejubelt, dass Senioren derzeit die wahren Unzerbrechbaren sind; Kronzeugen: sechs „Babuschkas“, ältere Damen zwischen siebzig und achtzig, die Russland zum Song Contest schickt.

          Musiker im siebten, achten und sogar neunten Lebensjahrzehnt veröffentlichen weiterhin Platten: neben dem rockenden Wutbürger Bruce Springsteen, Paul McCartney und dem Alt-Swinger Tony Bennett auch, eher melancholisch, Nana Mouskouri, die im Duett mit weiß und weise gewordenen Heroen wie Charles Aznavour, Alain Delon, Francis Cabrel oder Serge Lama, aber auch mit Newcomern Klassiker der Achtundsechziger singt. Fast schon überflüssig zu sagen, dass die „Victoires de la Musique“, Frankreichs wichtigste Musikpreise, vor wenigen Tagen an Cathérine Ringer (54) und Hubert-Félix Thiéfaine (66), zwei rebellische Altstars, gingen. Und Lucio Dalla, dessen Beerdigung am vergangenen Sonntag in Italien zum Staatsereignis wurde, starb nicht auf dem Altenteil, sondern kurz vor seinem neunundsechzigsten Geburtstag im Trubel einer Tournee.

          Kollektive Sehnsucht nach charismatischen Persönlichkeiten

          Auch im Film ist, wie die Oscar-Nacht bewies, die Unterhaltungskunst sich selbst historisch geworden. Aber was sind die Gründe dieses umfassenden Historismus? Einer ist die unverkennbare kollektive Sehnsucht nach charismatischen Persönlichkeiten und den einstigen geordneten Verhältnissen, für die sie stehen. Jede Falte und jedes Karrierejahrzehnt von Meryl Streep oder Christopher Plummer (der mit 86 nun den ersten Oscar erhielt), von Nana Mouskouri oder Tony Bennett suggerieren Glaubwürdigkeit, viele ihrer Filme oder Lieder haben sich auf dem Prüfstand der Zeit und unserer Lebenserfahrung bewährt, sind mit unseren Schicksalen verwachsen. So schweben diese Künstler als Treuhänder der „Dinge des Lebens“ über den Zufälligkeiten des Tages. Sie sind heute das, was dem christlichen Mittelalter die seligen Nothelfer und Heiligen waren, und über denen in Deutschland augenblicklich nur noch Hildegard Hamm-Brücher, Helmut Schmidt und Marcel Reich-Ranicki als Dreieinigkeit stehen.

          Erstaunlich ist, dass sich die Verehrung der Alten Garde momentan nicht nur auf deren Altersgenossen beschränkt, sondern von jüngeren Generationen geteilt wird: Meryl Streep verdankt ihren nunmehr dritten Oscar nicht nur denjenigen, denen die Summe der Streep-Filme zur eigenen oder ersatzweisen Lebenschronik wurde. Ebenso wichtig waren die Jungen, die in diesen Melodramen via iPod auf den Werdegang und hinter die Charaktermasken ihrer Eltern und Großeltern schauen. Christopher Plummer? Älteren, die ihn vormals als brillanten Shakespearespieler und Thriller-Star schätzten, versichert seine aktuelle Rolle, dass ein neues Leben auch im fortgeschrittenen Alter möglich sei; Jüngeren zeigt sie, dass Leidenschaft und Außenseitertum kein Privileg der Jugend ist, und beglaubigt diesen Mut zum Ich mit der Würde des Alters.

          Die Lebensmitte hat sich verschoben

          Kein Zweifel, dass die Rückkehr der Helden von einst eine Etappe auf dem demographisch vorgezeichneten Marsch unserer Gesellschaft ins Greisentum ist. Was Bob Dylan mit seinem „Forever young“ 1974 prophezeite und nun mit siebzig auf seiner never ending tour in die Tat umsetzt, bestätigen Studien, laut denen die gefühlte Lebensmitte sich vom vierten auf das fünfte und sechste Lebensjahrzehnt verschoben hat. Dass aber in diesem Zusammenhang zurzeit der Alterskult den Jugendwahn ersetzt, die Wegweiser also ins Gestern statt ins Morgen zeigen, hat einen zweiten, schwerer wiegenden Grund: die zunehmende Furcht vor der atemberaubend schnell fortschreitenden Digitalisierung der Welt. Sie treibt Alte und Junge so zueinander, wie sie Tony Bennett und Amy Winehouse zum Duett ins Plattenstudio trieb, Caro Emerald dazu bringt, sich wie die Sangesladies der Fünfziger zu schminken und zu kleiden und Debütantinnen Mouskouri-Brillen tragen lässt.

          Wo nichts mehr von Dauer ist, jedes Wissen sofort von anderem dementiert wird und jedes Ereignis, kaum hat es stattgefunden, schon wieder vergessen ist, wendet die verunsicherte Mehrzahl sich instinktiv dem Bewährtem zu. „Gib mir irgendwas, das bleibt“ bettelte, bejubelt von Millionen, 2009 die Rockpopgruppe Silbermond. Und 2012 bringen Udo Lindenberg die Remakes seiner alten Hits höhere Verkaufszahlen als einst die Originale.

          In sonderbarem Gegensatz zum Erfolg der vitalen Alten wird in vielen Songs junger Künstler oft und jung gestorben: „Wir waren geboren, um zu leben“, klagte 2010 die Band Unheilig um eine vorzeitig gestorbene Geliebte, und Silbermonds neuer Hit „Wann reißt der Himmel auf“ klagt um eine todgeweihte junge Drogensüchtige, die am hektischen Jetzt zerbrochen ist. Sterben als ultimative Flucht aus der totalen Hilflosigkeit und Undurchschaubarkeit, zu der das telematische Zeitalter den Einzelnen verdammt: Roger Ciceros aktueller Erfolg „In diesem Moment“ ist dessen präzise Momentaufnahme. Sein Leitthema, das schleichende Grauen vor der Unendlichkeit der Welt und des Lebens - „In diesem Moment geht irgendwo die Sonne auf. Nimmt ein Schicksal seinen Lauf. Erlischt irgendwo ein Stern. Scheint das Glück unendlich fern“ - spricht zugleich immer auch von der Auflösung des Individuums im Datenozean der Digitalisierung. „Und als einer von Millionen, der an Erinnerungen hängt, fühl ich, dass du gerade hier bist - in diesem Moment.“

          Nähe wird nur noch gefühlt, nicht gelebt, und der einzige verlässliche Halt in einer Zeit, die das Rasen der Datenströme zum beängstigenden Grundgefühl gemacht hat, sind Erinnerungen. Sie, an denen wir hängen wie Ertrinkende an Klippen, werden Gestalt in den alternden und alten Künstlern, deren Beharrungsvermögen und Unverwechselbarkeit wir geradezu anbeten, weil sie jung waren und Charaktere wurden, ehe die Welt sich digitalisierte. Aber diese tröstliche Gewissheit kann schon morgen im Datenstrom untergegangen sein.

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