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Comeback der Nostalgie : Hilfe, wir wollen zurück zu den Alten

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Erstaunlich ist, dass sich die Verehrung der Alten Garde momentan nicht nur auf deren Altersgenossen beschränkt, sondern von jüngeren Generationen geteilt wird: Meryl Streep verdankt ihren nunmehr dritten Oscar nicht nur denjenigen, denen die Summe der Streep-Filme zur eigenen oder ersatzweisen Lebenschronik wurde. Ebenso wichtig waren die Jungen, die in diesen Melodramen via iPod auf den Werdegang und hinter die Charaktermasken ihrer Eltern und Großeltern schauen. Christopher Plummer? Älteren, die ihn vormals als brillanten Shakespearespieler und Thriller-Star schätzten, versichert seine aktuelle Rolle, dass ein neues Leben auch im fortgeschrittenen Alter möglich sei; Jüngeren zeigt sie, dass Leidenschaft und Außenseitertum kein Privileg der Jugend ist, und beglaubigt diesen Mut zum Ich mit der Würde des Alters.

Die Lebensmitte hat sich verschoben

Kein Zweifel, dass die Rückkehr der Helden von einst eine Etappe auf dem demographisch vorgezeichneten Marsch unserer Gesellschaft ins Greisentum ist. Was Bob Dylan mit seinem „Forever young“ 1974 prophezeite und nun mit siebzig auf seiner never ending tour in die Tat umsetzt, bestätigen Studien, laut denen die gefühlte Lebensmitte sich vom vierten auf das fünfte und sechste Lebensjahrzehnt verschoben hat. Dass aber in diesem Zusammenhang zurzeit der Alterskult den Jugendwahn ersetzt, die Wegweiser also ins Gestern statt ins Morgen zeigen, hat einen zweiten, schwerer wiegenden Grund: die zunehmende Furcht vor der atemberaubend schnell fortschreitenden Digitalisierung der Welt. Sie treibt Alte und Junge so zueinander, wie sie Tony Bennett und Amy Winehouse zum Duett ins Plattenstudio trieb, Caro Emerald dazu bringt, sich wie die Sangesladies der Fünfziger zu schminken und zu kleiden und Debütantinnen Mouskouri-Brillen tragen lässt.

Wo nichts mehr von Dauer ist, jedes Wissen sofort von anderem dementiert wird und jedes Ereignis, kaum hat es stattgefunden, schon wieder vergessen ist, wendet die verunsicherte Mehrzahl sich instinktiv dem Bewährtem zu. „Gib mir irgendwas, das bleibt“ bettelte, bejubelt von Millionen, 2009 die Rockpopgruppe Silbermond. Und 2012 bringen Udo Lindenberg die Remakes seiner alten Hits höhere Verkaufszahlen als einst die Originale.

In sonderbarem Gegensatz zum Erfolg der vitalen Alten wird in vielen Songs junger Künstler oft und jung gestorben: „Wir waren geboren, um zu leben“, klagte 2010 die Band Unheilig um eine vorzeitig gestorbene Geliebte, und Silbermonds neuer Hit „Wann reißt der Himmel auf“ klagt um eine todgeweihte junge Drogensüchtige, die am hektischen Jetzt zerbrochen ist. Sterben als ultimative Flucht aus der totalen Hilflosigkeit und Undurchschaubarkeit, zu der das telematische Zeitalter den Einzelnen verdammt: Roger Ciceros aktueller Erfolg „In diesem Moment“ ist dessen präzise Momentaufnahme. Sein Leitthema, das schleichende Grauen vor der Unendlichkeit der Welt und des Lebens - „In diesem Moment geht irgendwo die Sonne auf. Nimmt ein Schicksal seinen Lauf. Erlischt irgendwo ein Stern. Scheint das Glück unendlich fern“ - spricht zugleich immer auch von der Auflösung des Individuums im Datenozean der Digitalisierung. „Und als einer von Millionen, der an Erinnerungen hängt, fühl ich, dass du gerade hier bist - in diesem Moment.“

Nähe wird nur noch gefühlt, nicht gelebt, und der einzige verlässliche Halt in einer Zeit, die das Rasen der Datenströme zum beängstigenden Grundgefühl gemacht hat, sind Erinnerungen. Sie, an denen wir hängen wie Ertrinkende an Klippen, werden Gestalt in den alternden und alten Künstlern, deren Beharrungsvermögen und Unverwechselbarkeit wir geradezu anbeten, weil sie jung waren und Charaktere wurden, ehe die Welt sich digitalisierte. Aber diese tröstliche Gewissheit kann schon morgen im Datenstrom untergegangen sein.

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