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Colm Tóibín: Brooklyn : Ein Mädchen aus Enniscorthy

Bild: Verlag

Fremd zu sein an zwei Orten, ist die grundlegende Erfahrung aller Emigranten: Colm Tóibíns zarter Roman „Brooklyn“ erkundet, wo die Seele bleibt.

          4 Min.

          Dies ist eine einfache Geschichte. Eilis Lacey, ein Mädchen aus dem Irland der fünfziger Jahre, in dem es keine Arbeit und also keine Zukunft gibt, geht nach New York. Nach stürmischer Überfahrt findet sie sich in Brooklyn wieder, in einer Pension für junge Frauen und in Obhut eines irischen Priesters, der ebenfalls aus Enniscorthy an der Südostküste Irlands stammt. Sie nimmt eine Arbeit in einem Modekaufhaus an, in dem bald die ersten schwarzen Frauen einkaufen werden, sie geht zur Abendschule, sie nimmt teil an den Aktivitäten der Gemeinde des Priesters, und sie geht zögernd zum Tanz, bei dem sich einige Italiener unter die Iren mischen. Sie verliebt sich. Und dann reist sie, weil ein schreckliches Unglück geschehen ist, zurück nach Hause.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Zu der einfachen Geschichte gehören komplizierte Gefühle. Und sie sind es, denen Colm Tóibín in diesem zarten, traurigen Buch nachspürt. Er hat es ganz aus der Perspektive von Eilis erzählt, mit der ihm eigenen Diskretion und wie immer ohne jede Effekthascherei und ohne Tricks. Eilis hatte damit gerechnet, in Enniscorthy zu bleiben, zu heiraten und irgendwann dort zu sterben. Sie hatte nie darüber nachgedacht, ob das Leben etwas anderes für sie bereithalten könnte. Aber das sagt sie nicht, als Mutter und Schwester ihre Abreise arrangieren. Und auch die Mutter und die Schwester, mit der Eilis eine bewundernde, tiefe Liebe verbindet, sprechen nicht über den Ursprung ihrer Pläne, die ihrer aller Leben für immer verändern werden. Es ist, als wäre diese Entscheidung über sie gekommen, unabänderbar, und die Gefühle hinkten ihr hinterher.

          Die Gefühle sind an einem anderen Ort

          In den Büchern Tóibíns geht es immer ums Fremdsein, oft ums Fremdsein in der eigenen Familie, um Außenseiter. Eilis nun wird an zwei Orten zur Fremden – das ist die typische Emigrationserfahrung, und Tóibín interessiert, wie sich Orte, Zeit und Bewusstsein zueinander verhalten und wo die Seele dabei bleibt. Ob die Gefühle, die mit den physischen Bewegungen nicht immer mithalten, die Bewegungen des Bewusstseins mitmachen, und was geschieht, wenn der Körper an einem Ort ist, die Gefühle aber an mehreren zugleich. Und die Sprache, nicht die Geschichte, ist sein Medium, diesen Fragen nachzugehen. Leise, pathoslos, mit großer Präzision und in Sätzen von schwebendem Rhythmus, den solche Erkundungen ins innere Erleben brauchen, erzählt er uns von einer Seele im Transit.

          Eilis Lacey liegt in ihrem kleinen Zimmer in einer Mädchenpension in Brooklyn auf dem Bett und liest. Sie liest Briefe – von der Mutter, der Schwester und dem Bruder, Briefe von zu Hause. Immer wieder saugt sie ein, was die Mutter und die Schwester aus Enniscorthy zu erzählen haben, während sie vergisst, wo sie selbst gerade ist. Das Wesentliche geschieht in ihrer Vorstellung – wie die Mutter am Küchentisch den Schreibblock bereitlegt, wie sie bemüht ist, die Zeilen aufs Papier zu bringen, ohne ein Wort oder eine Silbe durchzustreichen, während die Schwester Rose ihren Brief wohl im Wohnzimmer geschrieben hatte, auf einem eleganteren weißen Bogen, und ihn dann in einen länglichen Umschlag steckte. Die Mutter faltet ihre Briefe zum Quadrat. Auch der Bruder Jack, der in Birmingham Arbeit gefunden hat, hat geschrieben, aber bei ihm kann Eilis sich nicht vorstellen, wo er sich zum Schreiben hinsetzt, und seine Briefe sind kürzer, als wolle er nicht zu viel preisgeben. Dann fällt ihr auf, dass sie in den letzten Wochen kaum an zu Hause gedacht hatte. Abends, nach der Arbeit in dem Kaufhaus, hatte sie versucht, sich genau zu erinnern, was sie tagsüber erlebt, was sie an Neuem gesehen, was sie an Unbekanntem gehört hatte. Aber jetzt, auf dem Bett, mit den Briefen in der Hand, scheint ihr das alles nichts zu sein im Vergleich zu den Bildern, die von ihrem Elternhaus in ihr hochsteigen, von dem Essen, das es dort gab, den Kleidern, die sie getragen hatte, und der Stille, die überall herrschte.

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