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Clooneys „Monuments Men“ : Hier menschelt es besonders wertvoll

  • -Aktualisiert am

Kunstretter: Diese historische Fotografie von 1945 zeigt die „Monuments Men“ im bayerischen Buxheim in Aktion. Bild: AP

Hilft George Clooneys Film „Monuments Men“ bei der Erforschung des NS-Kunstraubs wirklich weiter? Reden wir bei Clooneys Film überhaupt über Geschichte? Was wir sehen ist Hollywood, ist Indiana Jones, Disneyland, Klischee.

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          Knapp vierzig Filmkameras richten sich auf den Mann mit dem strahlend weißen Hemd, dessen oberste Knöpfe geöffnet sind, und rund zwanzig Fotografen dokumentieren unablässig jede Geste. „Mister Clooney, what was your main reason for doing this film? Patriotism?“ - „Well, no, we just happened to read that book, and we wanted to do an interesting and fun movie.“

          Diese ostentativ jede Botschaft negierende Antwort des Regisseurs und Hauptdarstellers George Clooney in der Pressekonferenz im Berliner Grandhotel Hyatt steht, gelinde gesagt, in starkem Gegensatz zum Film „Monuments Men“. Denn über 118 Minuten wird genau dies gezeigt: eine Heldengeschichte, eine Fabel vom Kampf des Guten gegen das Böse - so stark geprägt von plakativen Zuspitzungen und dramatisierenden Übertreibungen, als wären wir mitten im Jahr 1944, als zwischen den Alliierten und dem Deutschen Reich auch ein veritabler Propagandakrieg tobte.

          Die Umdeutung des Nero-Befehls

          Damals wie heute erfordert dies, Kunst und Kultur in ungeheurem Maße mit Bedeutung aufzuladen. „Art is the foundation of modern society“, heißt es in der Eingangsszene, in der Lieutenant Stokes alias George Stout den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt in einem Diavortrag zu überzeugen sucht, dass der Schutz von Kulturgut Teil der militärischen Strategie der Amerikaner werden müsse, und später: „We are fighting for culture, for life.“ Wer kann etwas gegen die Kultur, das Leben haben?

          Die Nazis, also die Deutschen. Deshalb, so der Film, hätten sie Florenz zerstört und europaweit Kunst geraubt. Denn „he really wanted it all“, heißt es in einer Szene im Bergwerk Merkers im April 1945, in das Kunstschätze ebenso wie das Gold der Reichsbank eingelagert waren. „He“: Das ist Hitler, dessen Hand gezeigt wird, wie er im Bunker den Nero-Befehl unterzeichnet, die Anweisung, beim Rückzug nur verbrannte Erde zu hinterlassen. Damit ist vor allem Infrastruktur gemeint, doch der Film zeigt, wie deutsche Soldaten auf Befehl eines Obersts mit eisigem Blick ihre Flammenwerfer auf unterirdische Kunstlager richten, um ungerührt Bilder von Picasso und Raffael in Brand zu setzen. So verhalten sich nur Barbaren oder Monster, die Kunst erst rauben und dann sinnlos vernichten, und deshalb sieht jeder ein, warum es ehrenwert, ja nötig ist, sie zu bekämpfen.

          Alles wird so einfach, so leicht

          Es ist eine einigermaßen krude Lektion, die der Film „based on a true story“ liefert, einschließlich eines Wettrennens mit den Russen. Muss gesagt werden, wer gewinnt? Das Problem, das dieser Film aufwirft, besteht eigentlich weniger in den Verzerrungen an sich. Denn Geschichte wird fortwährend neu geschrieben. Das ist normal, und jede Generation hat viele gute Gründe, tradierte Sichtweisen in Frage zu stellen. Doch zugleich nehmen mit wachsendem Abstand zu einem Ereignis oder Phänomen üblicherweise auch Differenzierung und Nuancierung zu - durch die Forschung wird der nicht länger umstrittene Kern größer, konsensfähig.

          Der Film und das 2009 erschienene gleichnamige Buch von Robert Edsel mit dem sprechenden Untertitel „Allied Heroes, Nazi Thieves and the Greatest Treasure Hunt in History“ belegen indes, dass dies kein linearer Prozess ist. Denn hier geht es eindeutig um Komplexitätsreduktion, um Simplifizierung, um eindeutige Kategorien von Entweder-oder, Schurke oder Engel, Bösewicht oder Held. Ambivalenzen und Ambiguitäten, Zweifel und Widersprüche stören das dichotome Modell und müssen ausgeblendet werden. Signifikant ist, dass schon die Buchvorlage diesen Rückschritt nicht nur nicht als solchen begreift, sondern ihre Leistung gerade in dieser belletristischen Zuspitzung erblickt.

          Fakten sind Nebensache

          Dafür nimmt der Film gravierende historische Fehler in Kauf. Die Schaffung der Monuments, Fine Arts & Archives Section (MFAA), so Edsel im Buch, sei ohne „historical precedent“ und „the first time an army fought a war while comprehensively attempting to mitigate cultural damage“. Man reibt sich die Augen: Wie kann das sein? Ist er einfach nur ahnungslos und uninformiert? Kennt er die Haager Landkriegsordnung - von 1899, ergänzt 1907 - nicht? Weiß er nichts vom deutschen militärischen Kunstschutz im Ersten Weltkrieg unter der Leitung von Paul Clemen (freilich selbst ein deutlicher Fall von Kulturpropaganda, wie Christina Kott gezeigt hat)? Oder den im Zweiten Weltkrieg unter Franz Graf Wolff Metternich? Es scheint, Edsel opfert Fakten, weil er meint, dies sei für eine größere Leserschaft verständlicher.

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