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Clemens J. Setz : Hat Sound. Bloß auf Dauer macht’s ein bisschen fertig

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Der österreichische Autor Clemens J. Setz. Bild: ddp images

Der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz hat einen wunderbaren Erzählband veröffentlicht: „Der Trost runder Dinge“. Nur ist wunderbar auch gut?

          4 Min.

          In einer dieser seltsamen Geschichten erblickt Bernard Henri Conradi, ein junger Franzose, der im Ersten Weltkrieg kämpft und später in der Nervenheilanstalt Bilder malt, „ein großes Ungut“ im sternenvollen Nachthimmel. Vor Conradis Augen haben sich, in einer plötzlichen Neuinterpretation, die Sterne zu einem schrecklichen Bild verbunden. Statt der gewöhnlichen Sternbilder steht für Conradi am Firmament das Grauensantlitz des „Großen Burschen“. Einmal gesehen, bekommt er es nicht mehr aus dem Kopf, so beschreibt er das Sternbild seinem Nervenarzt, und von der Beschreibung liest, knapp hundert Jahre später, in einer Biographie ein Schriftsteller, der Erzähler dieser Geschichte. Probeweise übernimmt er Conradis Sichtweise. Und es ergeht ihm genauso. Wie leben, unter einem solchen Himmel? Die Deutung hat sich um ein Winziges verschoben, und alles sieht anders aus.

          Ein bisschen wirkt es im Lauf von „Der Trost runder Dinge“, dem neuen Kurzgeschichtenband des österreichischen Schriftstellers Clemens J. Setz, als wäre der Autor dieser Conradi und der Leser sein angesteckter Erzähler. Setz braucht einen Halbsatz – und Bäume rauschen nicht bloß, sie unterhalten sich mit „toten Funkgeräten“. Oder sie bewegen sich „wie träumende Giraffen“. Fünf Uhr am Nachmittag ist nicht fünf Uhr am Nachmittag, sondern „jene Stunde, da sich alles auf Erden in eine Art Parkplatz verwandelt“. Setz, so scheint es, hängt ein bisschen quer in der Welt, und von da hat er einen wunderbaren Blick auf sie. Übernimmt man ihn einmal, dann werden langsam ratternde Drucker zu altersschwachen Menschen, und gebeugt Gehende sehen noch Stunden nach dem Lesen aus „wie das Vorher-Menschenbild in Evolutionsdiagrammen“. Eine verrückt nachvollziehbare Weltsicht.

          Diese Geschichten gehen nah

          Setz, sechsunddreißig, hat vier Romane veröffentlicht, Essays, Gedichtbände und Kurzgeschichten, und einen Haufen Preise gewonnen. „Der Trost runder Dinge“ (Supertitel!) umfasst zwanzig Erzählungen, die kürzeste hat eine halbe Seite, die längste dreiundvierzig Seiten. Ein paar Motive kehren wieder, ein herumliegender Handschuh, auch die Namen mancher Figuren. In allen Geschichten geschehen Sachen, von denen man eher nicht täglich hört: Ein Schriftsteller kommt unerwartet nach Hause zurück und findet in seiner Wohnung ein Lazarett vor. Eine Mutter engagiert einen Callboy, um vor ihrem schwerbehinderten Sohn Sex zu haben. Ein Sechzehnjähriger schreibt seine Nummer auf die Toilettentür des Erotiklokals „Bang or Whimper“ und beantwortet die Anrufe.

          Clemens J. Setz: „Der Trost runder Dinge“. Erzählungen. Suhrkamp, 320 Seiten, 24 Euro.

          Oft trägt die Idee allein durch die Geschichte. In der Wohnung einer blinden Frau stehen lauter Wörter wie „Schlampe“ an den Wänden, und ihr neuer Liebhaber kämpft mit sich, ob er es ihr sagen soll. Die Callboy-Mutter hat keinen Fetisch, sie will, dass der Mann sich weigert, im Zimmer ihres Sohnes mit ihr zu schlafen, der ultimative Beweis, dass ihr komatöses Kind auch in den Augen anderer noch etwas mitbekommt. Diese Geschichten gehen nah: Was wäre, wenn ich eine blinde Freundin hätte, in deren Schlafzimmer, seit unbekannter Zeit, „Drekkksau“ stünde? Würde ich es ihr sagen oder heimlich entfernen? Nichts davon? Besser mal drüber nachdenken, könnte ja passieren. Auf einmal wirkt das gar nicht mehr so unwahrscheinlich.

          Diese Erzählungen bleiben aber in der Minderheit. Häufiger setzt der kritische Reflex ein, die Texte gut finden zu müssen, weil die Vergleiche so treffend, die Dialoge lebensecht und die Kalauer Kalauer sind. Woran liegt es, dass man „Der Trost runder Dinge“ eher rational gut findet, nicht so emotional?

          Eine Mischung aus Leuchtqualle und Testbild

          An der Hauptsatzarchitektur, die Setz kaum variiert, der coolen Tiefkühl-Lakonie. Beispiel von irgendeiner Seite: „Im Juni meldete sich eine Frau bei ihm, die er vor zwölf Jahren zum letzten Mal gesehen hatte. Sie hatten zusammen studiert. Er war in sie verliebt gewesen, und sie hatte es gewusst.“ Gut. Hat Sound. Bloß auf Dauer macht’s ein bisschen fertig. Und wenn Setz mal den minimalistischen Kurzgeschichtenton ändert, am offensichtlichsten in „Spam“, dann ist das perfekt. Ja, so klingen diese Abzieh-Mails angeblicher Bekannter in ihrer Google-Translate-Poesie: „Wir haben uns begegnet-auf die Parkbank vor dem Museum, wenn Sie vor der Arbeit nach Hause gehen sind gewesen.“ Aber will man solche Sätze über Seiten lesen, nur um irgendwann mit einem weiteren herausragenden Vergleich belohnt zu werden – dem einer Mutter, die den Stolz, sollte ihr Sohn eines Tages mit einem Doktortitel heimkehren (weshalb sie mit der Spam-Mail um Geld bittet), als „Gipfelkreuz aller Biografie“ bezeichnet?

          Überhaupt, die Vergleiche und Metaphern. „Es hatte leicht zu schneien begonnen. Eine Straßenlaterne stand verzaubert da, umnebelt von tanzenden Punkten, eine Mischung aus Leuchtqualle und Testbild.“ Wie schön ist das. Die allerschönste Laterne-vor-Schneeflocken-Beschreibung. Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Sechzehnjähriger so denkt? Wie viele Menschen, sechzehnjährige und einundsechzigjährige, gehen mit dieser Hyperwahrnehmung durch die Welt? Bei Setz: fast alle.

          Ein Wort in einer Tinder-Bio

          So ergeht es einem beim Lesen von „Der Trost runder Dinge“, als liefe man durch eine Wunderwelt, vorbei an einem menschlichen Getränkeautomaten und dem Wesen Or, staunend über einen Teilzeitautor aus Graz, der es als Mangel ansieht, noch nie einen Toten gesehen zu haben, und fasziniert von der Schulkrankenschwester, die einen Jungen entführt. Es tröstet, dass diese etwas seltsamen, sensiblen Gestalten, die aber immer einem verständlichen Motiv folgend handeln, einen Platz gefunden haben in einem Buch, das mit seinem konvexen Rücken ja auch so ein rundes Ding ist. Neben ihrer Verrücktheit wirkt die eigene, mühsam kultivierte Kantigkeit wieder wie das, was sie ist: ein Wort in einer Tinder-Bio.

          Und es tröstet auch ein bisschen, dass sogar ein Hochbegabter wie Setz es nicht immer hinbekommt, seine Figuren zu Menschen zu machen. Sympathische, interessante, empfindsame, lustige und schlaue Gestalten. Aber etwas leblos. Sie bleiben Figuren in einem Computerspiel, NPCs, non-playable characters. Eine gute Metapher? Logisch, sie kommt von Setz.

          Vielleicht ist das gemein, der Neid. Aber selbst schuld. Denn wo, verdammt, nimmt er all diese überragenden Bilder und Vergleiche her?

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