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Clemens J. Setz : Hat Sound. Bloß auf Dauer macht’s ein bisschen fertig

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Der österreichische Autor Clemens J. Setz. Bild: ddp images

Der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz hat einen wunderbaren Erzählband veröffentlicht: „Der Trost runder Dinge“. Nur ist wunderbar auch gut?

          In einer dieser seltsamen Geschichten erblickt Bernard Henri Conradi, ein junger Franzose, der im Ersten Weltkrieg kämpft und später in der Nervenheilanstalt Bilder malt, „ein großes Ungut“ im sternenvollen Nachthimmel. Vor Conradis Augen haben sich, in einer plötzlichen Neuinterpretation, die Sterne zu einem schrecklichen Bild verbunden. Statt der gewöhnlichen Sternbilder steht für Conradi am Firmament das Grauensantlitz des „Großen Burschen“. Einmal gesehen, bekommt er es nicht mehr aus dem Kopf, so beschreibt er das Sternbild seinem Nervenarzt, und von der Beschreibung liest, knapp hundert Jahre später, in einer Biographie ein Schriftsteller, der Erzähler dieser Geschichte. Probeweise übernimmt er Conradis Sichtweise. Und es ergeht ihm genauso. Wie leben, unter einem solchen Himmel? Die Deutung hat sich um ein Winziges verschoben, und alles sieht anders aus.

          Ein bisschen wirkt es im Lauf von „Der Trost runder Dinge“, dem neuen Kurzgeschichtenband des österreichischen Schriftstellers Clemens J. Setz, als wäre der Autor dieser Conradi und der Leser sein angesteckter Erzähler. Setz braucht einen Halbsatz – und Bäume rauschen nicht bloß, sie unterhalten sich mit „toten Funkgeräten“. Oder sie bewegen sich „wie träumende Giraffen“. Fünf Uhr am Nachmittag ist nicht fünf Uhr am Nachmittag, sondern „jene Stunde, da sich alles auf Erden in eine Art Parkplatz verwandelt“. Setz, so scheint es, hängt ein bisschen quer in der Welt, und von da hat er einen wunderbaren Blick auf sie. Übernimmt man ihn einmal, dann werden langsam ratternde Drucker zu altersschwachen Menschen, und gebeugt Gehende sehen noch Stunden nach dem Lesen aus „wie das Vorher-Menschenbild in Evolutionsdiagrammen“. Eine verrückt nachvollziehbare Weltsicht.

          Diese Geschichten gehen nah

          Setz, sechsunddreißig, hat vier Romane veröffentlicht, Essays, Gedichtbände und Kurzgeschichten, und einen Haufen Preise gewonnen. „Der Trost runder Dinge“ (Supertitel!) umfasst zwanzig Erzählungen, die kürzeste hat eine halbe Seite, die längste dreiundvierzig Seiten. Ein paar Motive kehren wieder, ein herumliegender Handschuh, auch die Namen mancher Figuren. In allen Geschichten geschehen Sachen, von denen man eher nicht täglich hört: Ein Schriftsteller kommt unerwartet nach Hause zurück und findet in seiner Wohnung ein Lazarett vor. Eine Mutter engagiert einen Callboy, um vor ihrem schwerbehinderten Sohn Sex zu haben. Ein Sechzehnjähriger schreibt seine Nummer auf die Toilettentür des Erotiklokals „Bang or Whimper“ und beantwortet die Anrufe.

          Clemens J. Setz: „Der Trost runder Dinge“. Erzählungen. Suhrkamp, 320 Seiten, 24 Euro.

          Oft trägt die Idee allein durch die Geschichte. In der Wohnung einer blinden Frau stehen lauter Wörter wie „Schlampe“ an den Wänden, und ihr neuer Liebhaber kämpft mit sich, ob er es ihr sagen soll. Die Callboy-Mutter hat keinen Fetisch, sie will, dass der Mann sich weigert, im Zimmer ihres Sohnes mit ihr zu schlafen, der ultimative Beweis, dass ihr komatöses Kind auch in den Augen anderer noch etwas mitbekommt. Diese Geschichten gehen nah: Was wäre, wenn ich eine blinde Freundin hätte, in deren Schlafzimmer, seit unbekannter Zeit, „Drekkksau“ stünde? Würde ich es ihr sagen oder heimlich entfernen? Nichts davon? Besser mal drüber nachdenken, könnte ja passieren. Auf einmal wirkt das gar nicht mehr so unwahrscheinlich.

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