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Berliner Kulturdebatte : Der Theaterplatzhirsch hat gesprochen

  • -Aktualisiert am

Der scheidende Intendant des Berliner Ensembles, Claus Peymann, betitelt Kulturstaatssekretär Tim Renner als einen „Lebenszwerg“. Bild: dpa

Claus Peymann hat etwas zu sagen. Nicht nur, dass er sich selbst großartig findet, sondern vor allem, dass die Berliner Kulturverantwortlichen allesamt Käse sind. Im Visier seiner Wut: Kulturstaatssekretär Tim Renner.

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          Der Kulturhaussegen in Berlin hängt schief. Grund ist das Interview eines leicht Verschnupften, nein, zutiefst Erzürnten, Aufgebrachten, Wutschäumenden. Claus Peymann, scheidender Intendant des Berliner Ensembles, beschimpfte jüngst in einem Interview mit der „Zeit“ den Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner. Einen „Lebenszwerg“ nannte er ihn, und weg müsse er. Oha.

          Aber es traf nicht nur Renner. Peymann war einfach der Meinung, dass die Diskussionen um die Ehrenrunde für Frank Castorf an der Volksbühne, der jetzt doch bis zum Sommer 2017 bleiben darf, und die Spekulationen über Chris Dercon, Castorfs Nachfolger in spe, nicht ohne seine Beteiligung ablaufen dürfe. Deshalb wetterte er wüst gegen die gesamte Berliner Kulturpolitik und bescheinigt den Verantwortlichen, namentlich Renner und Müller, „völlige Unfähigkeit“. Da hatte wohl einer das verbale Druckluftventil geöffnet. Das Interview ist ein einziger Wutsturm, ein Totalverriss in Zorneshülle. Harter Tobak – Peymann eben.

          Eingeladen in die Debatte hatte Peymann sich selbst mit einem offenen Brief an den Berliner Bürgermeister Michael Müller, in dem er sich über „die größte Fehlbesetzung des Jahrzehnts“ beschwert hatte. Natürlich war Renner gemeint. Passend dazu ließ er sich mit weit aufgerissenem Mund, über dem Kopf zusammengeschlagenen Händen nd schreiend-zerknirschter Visage ablichten. Das Bild allein war Kommentar genug. Vom Adressierten kommt hingegen nichts als Schweigen im Wald. Aussitzen, schließlich sind die Tage des BE-Intendanten gezählt.

          Wenn Peymann ins Spiel kommt, haben die beiden Berliner nichts mehr zu lachen. Kulturstaatssekretär Tim Renner und Bürgermeister Michael Müller.
          Wenn Peymann ins Spiel kommt, haben die beiden Berliner nichts mehr zu lachen. Kulturstaatssekretär Tim Renner und Bürgermeister Michael Müller. : Bild: dpa

          Noch aber richtet und schäumt er. „Wir erleben gerade das Waterloo des europäischen Theaters“, sagt Peymann im Interview. Es spricht die beleidigte Leberwurst. Ein der Liebe Entzogener und Verschmähter, zutiefst Gekränkter könnte nicht effektvoller zetern. Hier will ein Berliner Theaterplatzhirsch sein Revier bis zur letzten Amtshandlung verteidigen. Der Berliner Theaterbetrieb, zumindest, was drei der größten und renommiertesten Theaterhäuser betrifft, ist nicht gerade für den regen Wechsel seiner Intendanten bekannt. Peymann und Ostermeier haben jeweils sechzehn Jahre auf dem Buckel, Castorf gibt seit 1992 den Revoluzzer an der Volksbühne.

          Der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner kann da natürlich nicht mithalten. Noch nicht einmal ein Jahr im Amt, will er schon mitreden und mitbestimmen im Berliner Hochkulturbetrieb. Keine leichte Ausgangslage: ein früherer Musikproduzent im Duell mit dem Club der Theaterbetagten. Hier trifft „U“- auf „E-Theater“. Peymanns Kante gegen den Berliner Kulturbetrieb, um die Palette der Musikanleihen zu komplettieren, ist ein wunderbares Exempel für „F-Theater“. Denn außer der Funktion, Peymann eine Bühne für seine Eitelkeit zu bieten -  die Aussagen Peymanns triefen vor Selbstverliebtheit („Ich bin ja das große geheime Vorbild von Castorf“) -, hat dieses Feuerwerk an Unflätigkeiten doch auch den lohnenden Effekt, Bewegung in den Berliner Trott zu bringen.

          Auch wenn Peymann der große Verfechter der Klassiker ist, hört man aus seinen Aussagen doch Sympathie für die Vielfalt und die Streitkultur an den Berliner Bühnen. Ein Quereinsteiger, wie Renner, dazu noch mit so depperten, untheatralen Vorschlägen wie Video-Übertragungen von Aufführungen, kommt ihm da gerade recht. Schwer verdaulich für ein Bühnentier wie Peymann. Wer wollte ihn nicht verstehen.

          Der Mann weiß eben, wie man (sich) inszeniert und Diskussionen anheizt. Theater ist Streitkultur. Das ist bei ästhetisch-künstlerischen nicht anders als bei politischen Fragen. Übrigens, seinen eigenen Nachfolger am BE, Oliver Reese, hält Peymann, wen wundert es, ebenfalls für eine Fehlbesetzung. Für Claus Peymann gibt es eben nur einen, der weiß, was, oder vielmehr, wer der Beste für das Theater ist.

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