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Claude Lanzmann über „Shoah“ : Das Unnennbare benennen

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Kampf gegen das tote Wissen

Zwischen den Bedingungen, die die Shoah ermöglichten, und der Shoah selbst – der Tatsache der Shoah – gibt es einen Bruch, eine Kluft, einen Sprung, einen Abgrund. Die Vernichtung bringt sich nicht selbst hervor, und wer das behaupten wollte, der leugnete in gewisser Weise ihre Realität, bestritte das Auftreten der Gewalt; das hieße, deren schonungslose Nacktheit zu bemänteln, sie zu bekleiden und sich gleichsam zu weigern, sie zu sehen, ihr in ihrer ganzen Nüchternheit und Unvergleichlichkeit ins Gesicht zu blicken. Mit einem Wort, es hieße, sie abzuschwächen. Jeder Diskurs, der versucht, die Gewalt zu erzeugen, ist ein absurder Traum von Gewaltlosigkeit. Ich will nur dies sagen: Das Ereignis oder vielmehr die Sache ist von einer Art, die alle Gründe, die man dafür angeben könnte, unendlich weit übersteigt.

Seit der Konferenz von Stockholm 2001, auf der 45 Staats- und Regierungschefs zusammenkamen, erleben wir eine institutionalisierte und globalisierte Verwaltung des Übergangs zum Vergessen, die Weitergabe eines toten Wissens. Man hat in allen Schulen, von Albanien bis zur Ukraine (in alphabetischer Reihenfolge), ein winzig kleines Buch mit allgemeinen Informationen über die Shoah verteilt. Gegen dieses tote Wissen müssen wir ankämpfen. Wenn die Shoah nichts anderes ist als ein gewöhnliches historisches Massaker und keine andere Beachtung verdient – warum nicht? Heute werden Vereinfachungen verbreitet, die lähmend wirken. Man schafft einen Gegensatz zwischen Erinnerung und Geschichte, zwischen Historikern und Zeugen: Die Zeugen werden bald tot sein, und so bleiben nur die Historiker, als einziges Fundament der Wahrheit, wie es scheint. Aber dabei vergisst man die Werke, als bildeten sie ein Hindernis für die Geschichte. Die Historiker, oder zumindest ein Teil von ihnen, entledigen sich ihrer, indem sie sie in den Himmel der Kunst verweisen. Aber die wahre Weitergabe erfolgt nur über die Werke.

Claude Lanzmann

Claude Lanzmann, geboren am 27. November 1925 in Bois-Colombes im Nordwesten von Paris, hat mit „Shoah“ 1985 einen Film vorgelegt, den er eine „filmische Geschichte des Holocaust“ nennt. Ein Kunstwerk, keine Dokumentation im üblichen Sinn. Denn in dem neuneinhalbstündigen Film fehlen Bilder seines Gegenstands. „Shoah“ ist die mündlich überlieferte Geschichte der systematischen Judenvernichtung; aber Lanzmann griff, um sie anschaulich werden zu lassen, nicht auf Archivmaterial zurück. Er fuhr vielmehr zu den Orten der Verbrechen, sprach mit Überlebenden der Lager wie mit SS-Kommandanten und Augenzeugen. Er benutzte falsche Identitäten und versteckte Kameras. Elf Jahre hat er an diesem Film gearbeitet. Er wird eines der großen Vermächtnisse der Geschichte bleiben.
Lanzmanns Filme sind fast immer umstritten, wie die Kontroverse um seinen jüngsten mit dem Titel „Der letzte der Ungerechten“ zeigt. Darin geht es um den letzten Judenältesten des Konzentrationslagers Theresienstadt, Benjamin Murmelstein, der das Lager überlebte und den Lanzmann mehrmals nach dem Krieg besucht und befragt hat. Murmelstein, als Kollaborateur beschimpft, werde hier reingewaschen, lautete der Vorwurf an Lanzmann, der die Anstrengung unternommen hatte, die Zwänge aufzuzeigen, denen die Judenräte in den Konzentrationslagern unterworfen waren. Gerechtigkeit für einen, der in Wien eine Weile mit Eichmann zusammenarbeiten musste, auch darum ging es Lanzmann. Nicht ohne Kontroverse ging auch die Veröffentlichung seiner Memoiren „Der patagonische Hase“ ab. Er sei „eitel, manchmal unausstehlich, schwierig, cholerisch, schwerhörig, von sich eingenommen. Aber Memoiren sind keine quellenselbstkritische Gattung, und dass Lanzmann flunkert, überhöht, stilisiert, dramatisiert, gehört zum Charme seiner Erzählungen“ und sei jedem Leser bewusst. So hieß es in unserer Kritik vom 12. Januar 2010. Aber bei alldem ist Lanzmann derjenige, der die Möglichkeiten des Films zur Wahrheit nutzt. Wir drucken hier den Vortrag, den Claude Lanzmann am Sonntag in der Essener Lichtburg anlässlich der ersten öffentlichen Kinovorführung von „Shoah“ gehalten hat. (Verena Lueken)

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