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Claude Lanzmann über „Shoah“ : Das Unnennbare benennen

  • -Aktualisiert am

„Shoah“ ist kein Film über den Holocaust, kein Derivat, kein Produkt, sondern ein ursprüngliches Ereignis. Diesem Ereignis hat mein Film einen Namen gegeben. Ich habe zwölf Jahre daran gearbeitet, ohne einen Namen zu haben. Ich habe den Namen erfunden, als das für die Institutionen erforderlich war. Ich fand zum Beispiel einen, der mir recht gut gefiel und der sehr abstrakt war: „Le lieu et la parole“ (Der Ort und die Sprache). Und am Ende drängte sich mir der Name Shoah auf. Nach dem Krieg suchten Rabbiner in der Bibel und fanden diesen Ausdruck, der „Zerstörung“, „Vernichtung“ bedeutet, aber dabei kann es sich auch um eine Naturkatastrophe handeln. Offensichtlich gibt es in der Bibel kein angemessenes Wort zur Bezeichnung dieser Sache, denn sie hatte noch nie stattgefunden, und es galt, das Unbenennbare zu benennen. Wenn es möglich gewesen wäre, meinem Film keinen Namen zu geben, hätte ich ihm keinen Namen gegeben.

Das Vorhaben des Verstehens hat etwas Obszönes

Ich entschied mich für „Shoah“, weil ich Hebräisch weder spreche noch verstehe und folglich auch nicht wusste, was dieses Wort bedeutet. Der Name war kurz und jedenfalls für mich undurchsichtig wie ein undurchdringlicher, nicht zu zerbrechender Kern. Als man mich fragte, was er bedeutete, und darauf hinwies, dass niemand ihn verstehen würde, antwortete ich, ich wolle ja gerade, dass niemand ihn verstehe, und so bestand ich auf diesem Namen. In diesem Sinne ist der Film „Shoah“ ein Akt der Namengebung. Heute bezeichnet „Shoah“ in zahlreichen Sprachen dieses besondere Ereignis, auch wenn das französische Erziehungsministerium den Begriff für offizielle Schulbücher ablehnte, weil es sich um ein „Fremdwort“ handele, und ihm den Ausdruck „extermination“ vorzog, der zum Vokabular der Nazis gehörte („Ausrottung“ oder auch „Vernichtung“).

Ich denke, es gibt eine Einzigartigkeit und ein Rätsel der Shoah und dass ihre Einzigartigkeit gerade ihr Rätsel ist. Wie ich einmal geschrieben habe, genügt es vielleicht, die Frage möglichst einfach zu formulieren und zu fragen, warum die Juden getötet wurden. Dann tritt das Obszöne daran hinreichend zutage. Das Vorhaben des Verstehens hat selbst etwas absolut Obszönes. Nicht zu verstehen war für mich in all den Jahren der Vorarbeiten und Realisierung des Films das eherne Gesetz: Ich habe mich auf diese Weigerung versteift, als wäre sie die ethisch und praktisch einzig mögliche Haltung. Diese Vorsichtsmaßnahme, diese Scheuklappen, diese Blindheit waren für mich die unverzichtbare Voraussetzung des Schaffens. Blindheit muss hier als der denkbar reinste Modus des Blicks verstanden werden, als die einzige Möglichkeit, ihn nicht von einer buchstäblich blendenden Realität abzuwenden – also nichts anderes als Klarblick. Den Blick ganz direkt auf den Schrecken richten.

Anders als aus Dummheit oder Böswilligkeit behauptet worden ist, bestreite ich keineswegs die Möglichkeit eines Verständnisses. Wie gesagt, habe ich alles getan, um eine Entsakralisierung und eine Restituierung der Sprache zu erreichen. Aber welche Erklärungen auch vorgetragen worden sind: der christliche Antisemitismus, die Arbeitslosigkeit in Deutschland, die Psychoanalyse, der schlechte jüdische Arzt von Hitlers Mutter, der deutsche im Unterschied zum jüdischen Geist und so weiter, sie alle sind, einzeln betrachtet oder zusammen, zugleich wahr und falsch, das heißt vollkommen unbefriedigend. Sie mögen die notwendige Bedingung der Vernichtung gewesen sein, waren aber nicht die hinreichende Bedingung, denn die Vernichtung der europäischen Juden lässt sich nicht logisch oder mathematisch aus diesem System von Voraussetzungen ableiten.

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