https://www.faz.net/-gqz-7z144

Claude Lanzmann über „Shoah“ : Das Unnennbare benennen

  • -Aktualisiert am

Im Bild sind Körper“, hat jemand geschrieben, „lebende Körper. Keine Leichen, keine wirklichen aus dem Archiv; sondern Individuen aus Fleisch und Blut, Gesichter...Körper, die sprechen, sich erinnern und erzählen...Diese Körper sind vergänglich, zerbrechlich, in die Zeit eingeschrieben. Sie sind zwar der vom Naziregime geplanten Vernichtung entkommen, aber leider arbeitet die Zeit an ihnen; auch sie wird die Erinnerung auslöschen aufgrund des je eigenen biologischen Todes der Überlebenden und der Zeugen. Daher der Einsatz des Films, um die Epiphanie eines einzelnen Menschen in einer bleibenden oder gar ewigen Wahrheit festzuhalten. Das Kino realisiert, was sonst nichts erreicht; es schreibt ein von Natur aus flüchtiges und vergängliches Wort in den Marmor einer die triviale Zeit überschreitenden Dauer. Die Kunst zerstört die chronologische Zeit und erschafft eine mythische, symbolische Zeit – die des Werkes. Die hinter uns liegende Zeit der Shoah findet ihre Erlösung in der – für immer – vor uns liegenden Zeit des Films ,Shoah‘. Der Film zeigt diese neue Zeit, die das einzige Objekt wird, das zu sehen ist.“

Keine Fiktion kann der Shoah gerecht werden

„Shoah“ konnte deshalb nur ein Film sein, weil es eine Inkarnation ist und eine Erfahrung für den, der den Film anschaut. Zentral ist hier die Frage des Bildes. Man kann nicht sehen, aber was man nicht sehen kann, muss man zeigen, und zwar mit Bildern. Ich habe ein visuelles Werk dessen geschaffen, was am wenigsten darstellbar ist. Arnaud Desplechin, ein Cinéast, den ich sehr bewundere, hat mir geschrieben: „Man filmt dort, wo es Zeugen gibt. Das Innere einer Gaskammer kann man nicht filmen, weil die Gaskammer gerade dadurch gekennzeichnet ist, dass sie keine Zeugen hinterlässt. Aber Sie haben eine Gaskammer gefilmt. Nicht das Innere natürlich (das Fehlen möglicher Zeugen, also des Gesichtspunkts), sondern Eingang und Ausgang...Die Szene mit dem Friseur Abraham Bomba. Das ist, wie mir scheint, eine endgültige Filmszene. Perfekte Inszenierung. Das Dekor unvergleichlich genau, die Figuren – die Kunden des Salons –, die Requisiten – Kamm und Schere –, die Präzision der Kamera und des Schnitts. Wir haben den Eingang einer Gaskammer gesehen und erholen uns nicht davon...Sie haben zu zeigen vermocht, was zu zeigen unmöglich schien...Diese Szene über die Gaskammern haben Sie so genial gefilmt, dass die Welt gesehen hat, oder wie Daney sagt, eine Szene, die uns ansieht, so direkt ansieht, dass wir verstehen müssen – verstehen müssen, dass wir niemals verstehen werden. Das vermag nur das Kino.“

Das Kino zeigt, was sich nicht zeigen lässt. „Shoah“ liefert Bilder und Worte, gibt zu wissen und zu sehen. Wenn es in „Shoah“ Emotionen gibt, dann allenfalls zusätzlich. Ich wende mich an den Verstand. Aufklärung gegen Obskurantismus. „Selbst wenn es darum geht, vergangener Unmenschlichkeit aktuellen und zukünftigen Verstand entgegenzusetzen, beweist ,Shoah‘, dass Denken nach Auschwitz möglich ist“, habe ich irgendwo gelesen. Zu Spielbergs Film möchte ich lediglich sagen: Die Shoah ist eine so fürchterliche Realität, dass keinerlei Fiktion ihr gerecht zu werden vermag. „Schindlers Liste“ fabriziert letztlich nur falsche Archive, wie alle Filme dieser Art. Desplechin sagt dazu, dass „diese Filme verfehlen, was sie doch gerade filmen wollten...Dass sich ein Schwindelgefühl einstellt, wenn man etwas von dieser unterstellten Einheit wahrnimmt. Damit dieses Schwindelgefühl sich einstellt, muss man sich klarmachen, dass die Augen offen zu halten uns noch nicht unbedingt zu Zeugen macht. Dass Zeuge sein etwas ganz Besonderes und möglicherweise Unerträgliches ist.“ Und weiter: „Es gab Filme über den Krieg, die Lager, den Antisemitismus, aber wir verstanden immer noch nicht. Es bedurfte eines Films, keines Buchs, sondern eines Films, ,Shoah‘, damit wir verstanden.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.