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Claude Lanzmann im Gespräch : Die Marionette konnte die Fäden ziehen

  • Aktualisiert am

Der Film sei „eine Frage der Gerechtigkeit“: Claude Lanzmann in seiner Wohnung in Paris Bild: Kai Nedden / Laif

Der österreichische Rabbiner Benjamin Murmelstein galt lange Zeit als ein Verräter, der mit den Nationalsozialisten kollaboriert hatte: Zu Unrecht, sagt Claude Lanzmann. In seinem Dokumentarfilm „Der letzte der Ungerechten“, der auf dem Festival in Cannes lief, rollt er den Fall neu auf.

          Sie sind gerade aus Cannes zurückgekehrt?

          Ich habe nicht geschlafen, ich bin müde, ich habe Albträume. Ich bin völlig unfähig, Ihnen etwas Intelligentes zu erzählen.

          Was bedeutet es für Sie, Ihren Film „Der letzte der Ungerechten“ über Benjamin Murmelstein, den Präsidenten des Judenrats in Theresienstadt, in Cannes vorzuführen?

          Eine große Genugtuung. Wenn der Film im Rahmen des Wettbewerbs gezeigt worden wäre, hätte ich ohne Zweifel die Goldene Palme bekommen. Nach dem Goldenen Bären in Berlin - ja, das ist schon etwas.

          Man hatte Ihnen vorgeschlagen, am Wettbewerb teilzunehmen.

          Wir boxen nicht in der gleichen Kategorie. Schwer- und Fliegengewichte haben nichts miteinander zu tun.

          Aber Ihr Film ist Kunst.

          Ich hatte Benjamin Murmelstein für „Shoah“ interviewt, das Material aber nicht verwendet und dem Holocaust Memorial Museum in Washington anvertraut. Im Gegenzug erlaubte ich, es Studenten und Historikern zur Verfügung zu stellen. Vor fünf oder sechs Jahren war ich dabei, als es in Wien gezeigt wurde: Sie haben so getan, als ob es ihnen gehörte und es ihre große Leistung wäre. Ich saß da und sagte mir: Das bist du, das ist dein Gesicht, deine Stimme, meine Fragen, mein Denken. Ich fühlte mich als Opfer eines Diebstahls und habe mich entschlossen, einen Film zu machen. Meinen Film. Nicht als Dokumentarfilm, sondern als Kunstwerk.



          Wie gingen Sie bei den Dreharbeiten vor?

          Wir haben zwei Monate lang gedreht. Ich bin nach Theresienstadt, Polen, Prag, Rom und Israel zurückgekehrt. Und ich habe realisiert, dass ich im Film sein muss, das war mir anfänglich nicht bewusst. Richard Brody vom New Yorker hatte die Aufzeichnungen mit Murmelstein gesehen und spontan geschrieben: Interessant, aber damit es Kunst wird, muss es Lanzmann machen. Ich trage diesen Film in psychischer und physischer Hinsicht, das war sehr anstrengend. Er hat drei Protagonisten. Einer ist Murmelstein. Daneben gibt es einen gewissen Claude Lanzmann, der fünfzig Jahre alt ist. Und es gibt Claude Lanzmann im Alter, das ich heute habe, rechnen sie selber. Der letzte Lanzmann ist noch schöner als der erste, man muss nur die Frauen fragen.

          Claude Lanzmann in einer Szene seines neuen Dokumentarfilms „Der letzte der Ungerechten“

          Warum tritt Murmelstein nicht schon in „Shoah“ auf?

          “Shoah“ ist ein epischer Film mit einem tragischen Ton. Wenn man Murmelstein zuhört, merkt man sofort: Das geht nicht zusammen. Mit ihm hatte ich einen lebenden Präsidenten eines Judenrats. Ich entschloss mich, Murmelstein durch einen Toten zu ersetzen, Adam Cerniakow, der sich in Warschau das Leben nahm, als die Deportationen begannen. Raul Hilberg kommentiert in „Shoah“ sein Tagebuch. Ich hatte es ihm zu lesen gegeben. Hilberg war den Judenräten gegenüber sehr kritisch, ja feindlich eingestellt. Ich erläuterte ihm die widersprüchlichen Zwänge, denen sie ausgesetzt waren, dass sie nicht anders handeln konnten. Schließlich gab mir Hilberg recht und hat seine Meinung über die Judenräte geändert.

          Benjamin Murmelstein galt auch anderen als Verräter und Kollaborateur, als sie ihn 1975 in Rom trafen.

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