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Cindy Sherman in Wien : Das Begehren der anderen

Das bin doch nicht etwa ich? Eine unbetitelte Fotocollage Cindy Shermans von 1975 Bild: Cindy Sherman, Sammlung Verbund

Die Künstlerin Cindy Sherman ist weltberühmt, aber ihre frühesten Arbeiten kannte bisher niemand. Eine Schau in Wien gibt jetzt Einblick in diese Werkphase.

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          Diese kleine Ausstellung und dieses dicke Buch sind ein starkes Stück. Cindy Sherman hat ihre Anfänge freigegeben. Sie erlaubt beinah voyeuristische (was für ein Wort in Verbindung mit dieser Künstlerin) Einblicke in die Entstehungsgeschichte ihres Werks. Das verdient umso mehr Beachtung, als die Beseitigung erster Arbeitsspuren in der zeitgenössischen Kunstwelt, die zur Markenwelt degeneriert, habituell geworden ist - mit dem Ziel der kompakten gereinigten Künstler-Imago vor aller Augen.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Sherman hat also mitgearbeitet an der Erstellung eines Catalogue Raisonné, der ihre praktisch unbekannten Anfänge zwischen 1975 und 1977 minutiös dokumentiert. Sie, die Perfektionistin, wollte keine Auslassungen: selbst dort nicht, wo sie sich 1975 ganz entblößt hat für eine Studentenarbeit aus siebzehn einzelnen Aufnahmen. Sie wird das später nie wieder tun, Schamgefühl ist ein fundamentaler Charakterzug, der ihr gesamtes OEuvre untergründet.

          In „Air Shutter Release Fashion“ deutet sie auf ihrem nackten Leib mit dem sechs Meter langen Kabel des Selbstauslösers ihrer Kamera Kleidungsstücke an. Ihren Kopf hat sie dabei jeweils weggemalt, nur die Torsi bleiben. Die kuriose Bildfolge ist bedeutungsgeladen, sie enthält Shermans Schaffen in nuce: die Verankerung in der Konzeptkunst, die Affinität zur Performance, endlich den Bezug auf den weiblichen Körper, dessen Einkleidungen wechselnde Identifikationen erzeugen und Außenwahrnehmungen steuern.

          Einen einmaligen Prozess erleben

          Wer es noch nicht verstanden hatte, sollte es angesichts dieses erstaunlichen Katalogs begreifen: Sherman ist nicht die Vortänzerin des notorischen Geschlechterverwirr-Kommandos, und sie ist schon gar keine narzisstische Ich-Ich-Ich-Attrappe. Von Anfang an spielt sie in ihrer eigenen Liga. Sie verflüssigt konsistente Identität, indem sie sich stets selbst zum Objekt ihrer Handlungen macht - zugleich aber deren Subjekt ist: Selbst-Erprobung und totale Kontrolle im gesamten Vorgang der Entstehung, an allen Fronten. So fotografiert sie in einer unbetitelten Serie von 1975 ihr Gesicht in der, durch Make-up erzeugten, sukzessiven Verwandlung von der unscheinbaren Studentin mit Brille in die Pose eines Vamps. Ähnlich imitiert sie in einer Folge von dreizehn Schwarzweißfotografien die Stufen des Heranwachsens, vom greinenden kleinen Mädchen bis zur selbstbewussten jungen Frau. Es ist genau dieses Prozesshafte, das ihre späteren Arbeiten nicht mehr preisgeben werden.

          Cindy Sherman macht sich selbst zum Objekt ihrer Handlungen: Ein unbetiteltes Werk von 1975 Bilderstrecke
          Cindy Sherman macht sich selbst zum Objekt ihrer Handlungen: Ein unbetiteltes Werk von 1975 :

          Cynthia Sherman wurde 1954 in Glen Ridge, New Jersey, als fünftes Kind in eine intakte bürgerliche amerikanische Familie geboren. Mit Unterstützung ihrer Eltern entscheidet sie sich für ein Kunststudium, das sie 1972 am State University College in Buffalo beginnt. Sie wendet sich dort 1975 von der Malerei der Fotografie zu. Als sie 1977 mit einem Stipendium nach New York geht, wo sie bis heute lebt, hat sie bereits beachtliche Arbeiten abgeliefert, die bisher in ihrem OEuvre ausgespart waren. Einige Beispiele aus dieser frühen Phase zeigt jetzt die „Vertikale Galerie“ in der Zentrale des österreichischen Stromversorgers Verbund in Wien.

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