https://www.faz.net/-gqz-7ywde

Churchill-Gedenkjahr : Wo wäre Europa ohne ihn?

  • -Aktualisiert am

Ein ziemlich langes Leben im Dienst des Vaterlandes: Sir Winston Leonard Spencer-Churchill. Zur ersten Mal zog er 1901 als Unterhausabgeordneter für die konservative Partei ins Parlament. Seit 1911 bekleidete er wichtige Regierungsämter, zweimal war er Premierminister. Bild: dpa

Der größte Brite aller Zeiten – oder doch eine zweifelhafte Figur? Am Samstag beginnt mit dem fünfzigsten Todestag von Sir Winston Churchill im Vereinigten Königreich ein Gedenkjahr der Sonderklasse.

          4 Min.

          Ein rücksichtsloser Egoist, ein Opportunist oder gar ein Scharlatan, der heute nicht wählbar wäre, wie der Fernsehmoderator Jeremy Paxman behauptet - oder der größte aller Briten, wie Umfragen ein ums andere Mal besagen? Der sich am Samstag zum fünfzigsten Mal jährende Todestag von Winston Churchill gibt seinen Landsleuten wieder einmal Anlass, über die Bedeutung und das Vermächtnis des großen Kriegspremiers nachzudenken.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Das geschieht in zahlreichen Fernseh- und Hörfunksendungen, in Ausstellungen wie jener im Science Museum über Churchills Engagement für die Naturwissenschaften und dessen Auswirkung auf die Politik; in Schülerprogrammen, die in Anlehnung an Churchills rhetorische Kunst öffentliches Reden fördern; auf einer Website, die diese schillernde, überlebensgroße Gestalt in allen ihren Facetten zugänglich machen will, sowie in Gedenkveranstaltungen, wie der Nachstellung der bewegenden Fahrt der „Havengore“, die den Sarg Churchills nach dem Staatsbegräbnis am 30. Januar 1965 über die Themse trug, die er mit charakteristischer Feierlichkeit einmal als „den goldenen Faden der Geschichte unserer Nation“ bezeichnet hatte.

          Jedes Nachdenken über Churchill heißt über britische Geschichte und britisches Selbstverständnis nachzudenken. Sie sind im nationalen Bewusstsein eng verwoben mit seiner Biographie, nicht nur wegen seiner Rolle in Britanniens „größter Stunde“, als er das britische Löwenherz verkörperte, sondern auch durch seine eigene romantische Identifizierung mit den Geschicken der Nation. Der zeremonielle Abschied von dieser Figur hat sich in das kollektive Gedächtnis als gewaltige Zäsur zwischen der imperialen Vergangenheit und der Aufbruchstimmung einer geschwundenen Weltmacht eingeätzt, zumal die Schwarzweißbilder der damaligen Fernsehübertragung das Pathos noch gesteigert haben.

          Churchill beobachtet im Kriegsjahr 1944 in Italien aus einer befestigten Anlage heraus die Feindbewegungen. Bilderstrecke

          Der Journalist Bernard Levin beschrieb die Trauerfeier in „The Pendulum Years“, seinem brillanten Porträt einer Nation im Umbruch der sechziger Jahre, nicht nur als eine der großen öffentlichen Zeremonien der Geschichte, vergleichbar mit der Begegnung von Heinrich VIII. mit dem französischen König Franz I. auf dem Feld des Güldenen Tuches oder der Krönung Peters des Großen. Levin gab dem Staatsbegräbnis als einem der großen Wendepunkte der Geschichte den gleichen Stellenwert wie der Ermordung des Erzherzogs Ferdinand, den ersten Schüssen in Fort Sumner, die den amerikanischen Bürgerkrieg einläuteten, der Hinrichtung Karls I. oder dem Geschützfeuer, mit dem Napoleon im Oktober 1795 die Aufstände in Paris niederschlug.

          Ein Requiem Britanniens

          Der Historiker Sir David Cannadine hat den Vorsitz eines Gremiums namens „Churchill 2015“ übernommen, das die Gedenkveranstaltungen zum fünfzigsten Todestag koordiniert. Nach seinen Worten habe jeder an jenem grauen Wintertag erkannt, dass das Staatsbegräbnis auch ein Requiem für die Großmacht Britannien war, die Churchill sich vergeblich zu erhalten bemüht hatte. Cannadine, Jahrgang 1950, erzählt, wie er zwischen 1955 und 1965 in einem Jahrzehnt der „Churchillschen Apotheose“ mit der Wahrnehmung groß geworden sei, dass der Kriegspremier ein „eindeutig großer Mann“ gewesen sei, „den wir alle akklamieren und verehren“ sollten. Als professioneller Historiker habe er dank der Öffnung der Archive ein differenzierteres Bild gewonnen und begriffen, warum ihn so viele vor 1939 mit Argwohn betrachtet hatten. Als Autor des Bandes „In Churchills Shadow“(deutsch bei Berenberg), der eine Reihe von Aufsätzen über Churchill und kulturhistorische Themen umfasst, die dessen Begriff von „Britishness“ nachspüren, bezeichnet sich Cannadine mit britischer Bescheidenheit als kleines Rad in dem Prozess „nicht gerade des Revisionismus, aber zumindest des Verstehens, dass Churchill eine sehr viel komplexere historische Figur war als die Figur mit der ich aufgewachsen bin“. Und jener Figur, muss man hinzufügen, als die sich der wortmächtige Churchill in seinen eigenen Schriften inszenierte.

          Weitere Themen

          Berlinale vor Jubiläums-Festival Video-Seite öffnen

          Neues Führungsduo : Berlinale vor Jubiläums-Festival

          Knapp einen Monat vor Eröffnung der 70. Internationalen Filmfestspiele besuchten Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian die Produktion der Berlinale-Bären. Unterdessen sorgt der Jury-Präsident Jeremy Irons für Schlagzeilen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.