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Christopher Hitchens „The Hitch“ : Es sollte halt immer der Tusch erklingen

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Er erfüllte den Auftrag seiner Mutter, ein irgendwie spektakuläres und pointenreiches Leben zu führen: Christopher Hitchens hat seine Autobiografie verfasst.

          Christopher Hitchens, dessen Bücher, Essays und Pamphlete weltweit gelesen werden, ist eigentlich ein Mann der Bühne. Mit seinen Debattierkünsten erwarb er frühen studentischen Ruhm, bis zu seiner Erkrankung im vergangenen Jahr war er auf den Podien und in den Studios der englischsprachigen Welt im Dauereinsatz. Er war dort von geradezu furchterregender Virtuosität. Unvergessen ist mir, wie er einmal auf dem Literaturfestival von Hay-on-Wye gegen den konservativen Kolumnisten und früheren Chef des „Spectator“, James Oborne, antrat. Es war am Vormittag, Hitchens hing in seinem Sessel, ganz der übernächtigte Bohemien, und schien seinem Körper sogar noch mehr Gewicht geben zu wollen, nur um dem Publikum klarzumachen, wie gelassen er dem Duell entgegensah.

          Je mehr sich Oborne aufregte, desto schwerer machte sich Hitchens. Und als der Tory eine lange und schrille Tirade gegen die Gesamtmoderne, gegen Marx und Freud und schließlich das Bauhaus abgeschlossen hatte, die so viele provokante Pauschalisierungen enthielt, dass man erwarten durfte, Hitchens in einem roten Feuerwerk explodieren zu sehen, da schwieg er stattdessen. Es dauerte nur wenige Sekunden, aber er markierte die Pause perfekt, um dann augenklimpernd und im Ton vollendeter Dankbarkeit zu flöten: „Ewig werde ich den Moment im Herzen bewahren, an dem Sie Le Corbusier meinten, aber Courvoisier sagten“ - eine auch in England bekannte Cognacmarke. Lacher auch von Oborne, Jubel im Saal, Ende der Debatte nach k. o.

          Was denkt Hitchens wirklich

          Doch diese jahrzehntelange Karriere als professioneller Meinungsringer macht es auch schwer, ein Gespür für den roten Faden seines Werks und seines Denkens zu bewahren. Hitchens hat wüste Polemiken in Buchform gegen drei der in Deutschland am meisten verehrten Menschen geschrieben, nämlich Henry Kissinger, den er für einen Kriegsverbrecher hält, gegen Bill Clinton, den er der Vergewaltigung einer Mitarbeiterin bezichtigt, und gegen Mutter Teresa, der er ein Bändchen unter dem Titel „Die Missionarsstellung“ gewidmet hat. Doch welcher Begriff verbindet diese drei Gestalten? Wogegen zieht er eigentlich ins Feld?

          Gerade Hitchens-Bewunderer kannten sich irgendwann nicht mehr aus: Warum war er noch mal für den Irak-Krieg gewesen? Was genau fand er an Paul Wolfowitz und Ahmed Chalabi lobenswert? Um den langen, gewundenen Weg zwischen all diesen extravaganten Positionen, seinen vielfältigen literarischen und philosophischen Interessen und seiner persönlichen Geschichte zu beschreiben, war schon lange eine Autobiographie vonnöten.

          Doch bei der Lektüre von „The Hitch“ geschieht Erstaunliches: Seine politischen und historischen Positionen lassen sich zwar zu einer Linie verbinden, die ist aber nicht die wichtigste in Christopher Hitchens’ Lebensgeschichte. Es öffnen sich ganz andere Türen, etwa zum Schicksal seiner Mutter hin. Dieses wahrhaft herzzerreißende Kapitel umfasst nur fünfundzwanzig von über sechshundert Seiten, aber es verändert alles.

          Als Christopher Hitchens sein Studium beendet hatte und nach London gezogen war, trennten sich die Eltern. Hitchens beschreibt den Moment, in dem seine Mutter es ihm mitteilt, mit bitterer Komik: „Meiner Erinnerung nach hatte ich vor allem einen Gedanken, während die Sonnenstrahlen ihre Bahn durch unsere alte Familienwohnung im ersten Stock zogen: ,Bitte erzähl mir jetzt nicht, dass du gewartet hast, bis Peter und ich alt genug waren.’ Im selben Moment erklärte sie mit zutiefst aufrichtiger Stimme, dass sie gewartet habe, bis mein Bruder und ich alt genug wären.“

          Der neue Mann im Leben seiner Mutter ist ein ehemaliger anglikanischer Geistlicher namens Timothy Brian. Bald darauf lädt Hitchens, der es in London schnell zu gewissem Ruhm brachte, seine Mutter und ihren Freund in sein Lieblingsrestaurant ein. Er gibt ganz den lässigen Lebenskünstler, lässt die Namen berühmter Schriftsteller aus seinem neuen Bekanntenkreis fallen und übernimmt die Rechnung, ohne hinzusehen, er gibt also an, weil er ahnt, dass seine Mutter sich solch ein Leben für ihn immer erträumt hat. Flüchtig verabschieden sie sich an jenem Abend, Hitchens hat sich den Freund seiner Mutter gar nicht genau angesehen. Es war ihr letztes Treffen.

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