https://www.faz.net/-gqz-8hb35

Christliches Menschenbild : Wir Monster

Auch ein Geschöpf Gottes: „Die Schöne und das Biest“ in der Disney-Verfilmung von 1991. Bild: ddp Images

Theologisch gesehen sind Monster auch nur Menschen, das wusste schon Augustinus. Margot Käßmann wäre gut beraten, ihm zu folgen.

          2 Min.

          Das Großartige an der christlichen Definition des Menschen ist – man drehe und wende es, wie man will – ihre Blindheit für menschliche Eigenschaften. Da heißt es: Die Zugehörigkeit zur Gattung Mensch leitet sich nicht von irgendwelchen erworbenen oder vererbten Qualitäten ab. Um als Ebenbild Gottes, imago Dei, zu gelten, reicht das nackte Dasein, die biologische Existenz.

          Darin unterscheidet sich die christliche Version der Menschenwürde nicht nur von säkularen Ethiken des abgeknickten erhobenen Zeigefingers, sondern auch von den Zuwiderhandlungen in der eigenen Religionsgeschichte. Selbst Augustinus, der Propagandist der Erbsünde, ließ ja keinen Zweifel daran, dass menschliche Schuld, wie groß sie auch immer sei, an der behaupteten Gottesebenbildlichkeit nichts zu ändern vermag (erst Luther sah das anders, sprach pointiert von der Teufelsebenbildlichkeit der gefallenen Natur).

          Ein menschlicher Idealtypus ist nicht vorgesehen

          Zur Illustrierung geht Augustinus in seinem „Gottesstaat“ (16. Buch, 8. Kapitel) lustvoll alle damals nur denkbaren Abweichungen der menschlichen Normalitätsbilder durch, greift in der Drastik seiner Zeit die kursierenden Geschichten von den sogenannten Missgeburten auf, von menschlichen Monstern, wie es hieß, welche ein Auge in der Mitte der Stirn haben; oder nur über ein Bein verfügen und die Kniekehle nicht beugen können, dabei aber erstaunlich behende auftreten; oder bei Hitze rücklings auf der Erde liegen, die Beine anwinkeln und sich dergestalt mit dem Schatten ihrer übergroßen Füße vor der Sonne schützen.

          Egal, welche Abweichungen ästhetischer oder moralischer Art man auch anführe, so Augustinus – solange man biologisch von Menschen auszugehen habe, handele es sich in der Nachfolge Adams um Ebenbilder Gottes. Punktum. Sie sind nicht etwa ein Zerrspiegel ihres Schöpfers, sondern dessen Abbild (wie immer man sich die Abbildrelation im Einzelnen auszumalen hat). So etwas wie ein menschlicher Idealtypus ist in dieser Sicht jedenfalls nicht vorgesehen, weswegen umgekehrt es auch keine Verzerrungen der menschlichen Natur geben kann, weder im inneren noch im äußeren Erscheinungsbild.

          Anders gesagt: Die Monster sind „wir“! Wir Monster sind aus der Gattung Mensch nicht exkludierbar, welchen Anstoß in der empirischen Welt wir auch immer erregen. Eine im Wortsinn metaphysische Abstraktion, die freilich überhaupt nichts Abgehobenes hat, sondern für das Leben hier und jetzt von immenser Bedeutung ist. Ebendies scheint die evangelische Altbischöfin Margot Käßmann zu bekräftigen, wenn sie neulich in einem Zeitungsgespräch erklärt, auch islamistische Terroristen seien „Gottes Ebenbild, wenn auch in einer verzerrten Version“. Doch warum in einer verzerrten Version? Wäre das nicht der Absturz ins Empirische, dem die Imago-Dei-These gerade vorbeugen will?

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Weitere Themen

          Sängerin des Mondlichts

          Sopranistin Anna Tomowa-Sintow : Sängerin des Mondlichts

          Aida, Arabella und Donna Anna waren ihre Lieblingspartien. Sie begeisterte den Dirigenten Herbert von Karajan und Kolleginnen wie Leonie Rysanek und Elisabeth Schwarzkopf: Die Sopranistin Anna Tomowa-Sintow wird achtzig Jahre alt.

          Topmeldungen

          Wahlkampfmobil: Die CDU-Kandidatin Caroline Lünenschloss verteilt in Wuppertal Flyer an ihre Helfer.

          Junge Kandidatinnen : Sie wollen einen neuen Sound im Bundestag

          Die deutsche Politik wird zu sehr von den Alten bestimmt, heißt es. Machen die Jüngeren überhaupt so viel anders? Unterwegs mit Caroline Lünenschloss, Jamila Schäfer und Jessica Rosenthal – dem Nachwuchs von CDU, Grünen und SPD.
          Vor einem Jahr: Demonstranten gegen Lukaschenko im Zentrum von Minsk im August 2020

          Lukaschenko-Gegner in Minsk : Im Land der Verschwörer

          Der nationale Aufbruch in Belarus wird vom Regime Alexandr Lukaschenkos brutal unterdrückt. Doch aufgegeben haben seine Gegner nicht. Ein Besuch in der Hauptstadt Minsk.
          Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro grüßt am Dienstag Anhänger in New York.

          UN-Vollversammlung : Brasilien zeigt der Welt den Mittelfinger

          Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro hält in New York eine verstörende Rede und lacht den britischen Premierminister Boris Johnson aus. Noch grotesker ist ein Auftritt seines Gesundheitsministers – der nun in Quarantäne muss.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.