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Christian Wulff : Der Knorrige

  • -Aktualisiert am

Ein Kerl wie ein Baum mag Respekt abnötigen. Aber damit ist er noch lange nicht auf Augenhöhe mit einem echten knorrigen Niedersachsen, der wie die Eiche im einschlägigen Lied festgewurzelt dasteht.

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          Was ist der Niedersachse eigentlich für einer? Wenn man sich aus allen Eigenschaften, die ihm zugeschrieben werden können, eine aussuchen müsste, man würde ihn wohl als „knorrig“ bezeichnen. Der Niedersachse ist so knorrig wie die Eiche, von der es im Niedersachsenlied heißt: „Fest wie uns’re Eichen / halten alle Zeit wir Stand / Wenn Stürme brausen / Übers deutsche Vaterland“.

          Festigkeit und Standvermögen, die sich aus dem Knorrigen ja direkt und zwingend ergeben, sind, wer wollte das leugnen, Eigenschaften, die man immer gut gebrauchen kann, nicht nur, wenn es in der Politik drunter und drüber geht. Es sind dies Eigenschaften, neben denen die uns so geläufige und semantisch verwandte Rede „ein Kerl wie ein Baum“ zu einer blassen, banalen Zuschreibung wird, indem diese nämlich auf die reine Körpergröße zielt und noch nichts darüber aussagt, ob solch ein Kerl auch wirklich „sturmfest und erdverwachsen“ ist, wie es im Lied über die knorrigen Niedersachsen so treffend heißt.

          Aus Widukinds Stamm

          Was hilft es dem längsten Lulatsch, wenn er bei erster Gelegenheit einknickt, wenn sich etwa der Wind der öffentlichen Meinung gedreht hat? Erst das Knorrige verheißt, neben dem oft wettergegerbten Gesicht, jenen Halt, auf den die Niedersachsen so stolz sind und den eben nur Menschen haben können, die mit beiden Beinen nicht nur auf der Erde stehen, sondern quasi noch ein gutes Stück in sie hineinragen.

          Man wäre damit schon fast bei Antäus, jenem antiken Riesen, der mit der Erde in geheimnisvoller, aber ungemein kraftspendender Verbindung stand und von dem es heißt, seine Stärke habe nur von Herakles überwunden werden können, und zwar dadurch, dass dieser ihn in die Luft hob, woraufhin die Kraft des Antäus augenblicklich versiegte und er bequem erwürgt werden konnte – und das bei einer Größe von umgerechnet 28,44 Metern.

          So groß ist Christian Wulff nicht. Aber er ist Niedersachse, und schon deswegen muss mit ihm unter allen Umständen gerechnet werden. Nach der Logik des Niedersachsenliedes wäre er ein Abkömmling Widukinds, jenes Sachsenherzogs, der im Lied als der Inbegriff der Knorrigkeit besungen wird: „Heil Herzog Widukinds Stamm!“ Das wird man, selbst wenn Wulff gewinnen sollte, in der Bundesversammlung kaum anstimmen. Wie es so die Art knorriger Typen ist, war Widukind lange ein Gegner der Christianisierung, unterwarf sich schließlich aber doch den Franken und ließ sich im Jahr 785 taufen. Man mag darin eine gewisse Rückgratlosigkeit sehen, die uns ausgesprochen unknorrig vorkommt. Aber was sollte er tun? Karl der Große, der übrigens sein Taufpate war, wollte es eben so.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

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