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Laudatio zum Börne-Preis : Er erinnert an die Grenzen in uns

  • Aktualisiert am

Der Schauspieler Christian Berkel, Preisrichter und Laudator des diesjährigen Börnepreises. Bild: Wonge Bergmann

Der Schriftsteller und Philosoph Rüdiger Safranski erhält in der Frankfurter Paulskirche den Ludwig-Börne-Preis. Das entschied der alleinige Preisrichter Christian Berkel – und begründet es mit dieser Rede.

          Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freunde, lieber Herr Safranski, als ich vor drei Jahren vom Intendanten des ZDF Thomas Bellut gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könne, bei der Verleihung des Börnepreises an Peter Sloterdijk eine Auswahl von Texten des Namensgebers dieses so besonderen Preises zu lesen, habe ich mit Freuden zugesagt. Ich ahnte nicht wohin das führen würde. Zumal mir von Ludwig Börne nicht viel mehr bekannt war als seine, nennen wir es getrost Hassliebe zu Goethe, den ich, meine Mutter ist Schuld, von Kindesbeinen an liebte und verehrte.

          Erst sehr viel später beschlich mich der Verdacht, dass „Ich grüße dich du einzige Phiole, die ich mit Andacht nun herunterhole“ möglicherweise weder den Höhepunkt der Verzweiflung eines Universalgelehrten kurz vor dem Suizid treffend beschreibt, noch als Höhepunkt deutscher Dichtung gelten darf. Aber von dieser Ahnung zu Börne war es noch ein weiter Weg, von dem mich Goethe auf immer überraschendere Nebenwege, oder Abwege lockte. Das System, oder den Lebensentwurf, den Goethe zu einem eigenen Kunstwerk ausbaute, die Verbindung mit allen Wechselwirkungen zwischen ihm und seinen Figuren, habe ich erst viele Jahre später in Rüdiger Safranskis, nicht nur lehrreicher, sondern vor allem inspirierend erzählerischer Goethe-Biografie entdeckt.

          Goethe selbst war dieser Eine

          Zwischen Weimar und Italien, Politik, Selbstoffenbarung und konstanter Suche, vereint Goethe in sich eine Fülle, die er im Tasso in zwei Figuren, Tasso, den Dichter, Antonio, den Staatsmann aufspaltet, über die er die Gräfin Leonore Sanvitale sagen lässt: „Zwei Männer sind's, ich hab' es lang gefühlt, / Die darum Feinde sind, weil die Natur / Nicht Einen Mann aus ihnen beiden formte.“ Goethe selber war dieser Eine. Wie Rüdiger Safranski in wenigen Strichen dem Leser diese eher unfriedliche Koexistenz in Goethes Brust entwirft, sein Lebensthema, das ist in seiner Beiläufigkeit eine eigene Kunst.

          So gesehen trifft der Aphorismus „Bestimmt Erleuchtetes zu sehen, nicht das Licht“ auf den Preisträger nur bedingt zu. Wir alle habe zwei Wirklichkeiten, mindestens. Die eine, die uns gegebene, die wir mit Sinnen erfassen, die andere, die wir intuitiv erfassen, oder der wir uns in Glaubenssätzen nähern. Aber auch die gegebene Wirklichkeit bedarf der intuitiven Interpretation, wie das Heureka der Naturwissenschaftler beweist. Erst im Aufscheinen dieser äußeren Wirklichkeit, offenbart sich unsere innere Realität.

          Verbindung mit dem Geist eines Toten

          Ich bin kein Wissenschaftler. Nicht einmal ein wissenschaftlich denkender Mensch. Spätestens nach dem Heureka steige ich aus der Badewanne und gehe, berufsbedingt, in eine andere Richtung. Erlauben sie mir daher den Versuch, möglichst persönlich zu beschreiben, was die Begegnung mit den Texten Rüdiger Safranskis und die kurze Begegnung mit ihm selbst in mir auslösten, welche Assoziationen sie ermöglichten und in welcher Weise mir das Eine mit dem Anderen verbunden scheint.

          Rüdiger Safranski, Philosoph, Schriftsteller – und Börnepreisträger.

          „Allein die Literatur erlaubt uns, mit dem Geist eines Toten in Verbindung zu treten, auf direkte, umfassendere und tiefere Weise, als das selbst in einem Gespräch mit einem Freund möglich wäre – denn so tief und dauerhaft eine Freundschaft sein mag, niemals liefert man sich in einem Gespräch so restlos aus, wie man sich einem leeren Blatt ausliefert, das sich an einen unbekannten Empfänger richtet.“, schreibt Michel
          Houellebecq, für den ein Buch, das man mag, „vor allem ein Buch ist, dessen Autor man mag, dem man gern begegnet, mit dem man gerne seine Tage verbringt.“

          In jeder Zeile, die er schreibt, lässt uns Rüdiger Safranski seine persönliche Verbundenheit mit den Gedanken eines Dichters oder Philosophen spüren. Wir kommen ihm dabei unweigerlich näher, so wie er sich dem menschlichen Geist, mit all seinen Schwächen, seiner Größe, seinen Grenzen angenähert hat. Wir lesen einen Autor, der sich nicht vom Zeitgeist durch sein Leben fegen lässt, der vielmehr auf jeder Seite als eigenständig Denkender gegenwärtig ist.

          Komplizenschaft zwischen Schreiber und Leser

          Diese Anwesenheit des Autors in seinem Text, seine Gegenwärtigkeit, stellt nicht nur  Houellebecq über die Schönheit des Stils, die Musikalität der Sätze, oder die Tiefe der Gedanken, auch Ludwig Börne beschreibt diese Ulyssesfahrt als die eigentliche Aufgabe des Schreibenden. „Der Mensch wird in der Fremde geboren“, lesen wir bei ihm, „leben heißt die Heimat suchen, und denken heißt leben. Aber das Vaterland der Gedanken ist das Herz; an dieser Quelle muss schöpfen, wer frisch trinken will“. In diesem
          Sinne gibt es für Börne unter Millionen Menschen vielleicht nur tausend Denker und, wenn dem so ist, unter diesen Tausend nur einen Selbstdenker.

          E.T.A. Hoffmann, Kant, Hegel, Schopenhauer, Nietzsche, Schiller, Goethe, Kleist, Tieck, Schlegel, Novalis, Schleiermacher, Heidegger, Freud, Kafka, die Romantik,
          die Wahrheit, das Böse, die Globalisierung und über allem, die Beschäftigung mit der Zeit und den Grenzen, die sie uns steckt. Das sind die Autoren, die Themen mit denen
          Rüdiger Safranski seine Tage verbringt, das ist, sehr grob zusammengefasst, der Kosmos, der ihn anzieht. Zwischen dem Schreibenden und dem Lesenden entsteht eine  Komplizenschaft. „Die Atmosphäre dieser Freundschaft ist die Stille, mehr als das Wort“ schreibt Marcel Proust, „denn“, fährt er fort, „wir sprechen für die anderen, aber wir schweigen für uns selbst.“ Und diese Stille, in der wir lesend uns selbst begegnen, ist der Glücksfall in Safranskis literarischer Betrachtung von Geistesgeschichte und Philosophie.

          Ein skeptischer Phantast

          Versuchen wir uns ihm über die Untertitel seiner Schriften zu nähern. Man stelle sich Safranski als einen skeptischen Phantasten vor, der bei dem Versuch, eine Biographie des Denkens zum Kunstwerk seines Lebens zu gestalten, die wilden Jahre der Philosophie durchmisst, der Wahrheit, als dem Denkbaren und Lebbaren nachspürt, in der Romantik eine deutsche Affäre sieht, deren Bogen er vom Neunzehnten Jahrhundert bis zu den Achtundsechzigern spannt, dabei durch die Abgründe und Extreme des kurzen zwanzigsten Jahrhunderts streifend, das Böse als das Drama der Freiheit analysierend, die Gefahren der Globalisierung vorwegnehmend, um sich schließlich zu fragen was wir mit der über allem thronenden Zeit machen können, vor allem aber, was sie mit uns macht. Man merkt sofort, der Mann kommt aus
          Deutschland.

          Über dieses Deutschland schreibt er in seinen Texten, mit diesem Deutschland ringt er, dreht und wendet es in kritischer Betrachtung, entwickelt zu ihm ein fein austariertes Verhältnis zwischen Nähe und Distanz. Gleich einem besorgten Arzt beugt er sich über den Patienten, der in letzter Zeit aus schwacher Lunge auffallend rotzig zurückhustet. Betrachtet man den Auswurf etwas genauer, verzeihen sie das  unappetitliche Bild so kurz nach dem Frühstück, erhärtet sich der Verdacht, dass sich da einiges angesammelt hat. Ein gerüttelt Maß an lauem Zeitgeist schleimt einem da entgegen, der sich zunehmend selbstverliebt jeglicher Innensicht verweigert, die sein sorgsam gebasteltes Bild in der Außenwelt beschädigen könnte.

          Kafkas Dasein als Zaungast

          Mit Börne weiß Safranski, „der Geist ist nur Strom, Tausende sind daran gelagert und trüben das Wasser mit Waschen, mit Baden, mit Flachsrösten und andern schmutzigen Hantierungen. Der Geist ist der Arm, das Herz ist der Wille; Kraft kann man sich anbilden, man kann sie steigern, ausbilden; was nützt aber alle Kraft, ohne den Mut, sie zu gebrauchen? Eine schimpfliche Feigheit zu Denken hält uns alle zurück. Drückender als die Zensur der Regierungen, ist die Zensur, welche die öffentliche Meinung über unsere Geisteswerke ausübt.“

          Der Deutsche und sein Selbstbild. Auch das ist Safranskis Thema. Er findet es in der Klassik, in der Romantik, im Deutschen Idealismus, im Nationalsozialismus – auch das, leider, ein deutsches Selbstbild – und in der sehr deutschen, inneren Fremdheit. „Es gehört zur schwierigen inneren Würde des Menschen, diese Fremdheit anzunehmen und das Beste daraus zu machen“, schreibt er. „Kafka zum Beispiel hat es getan. Am Vorabend des totalitären Gemetzels in Europa notiert er 1922 im Tagebuch über den Sinn des Schreibens: „das Hinausspringen aus der Totschlägerreihe, Tat-Beobachtung.“ Es gehört für mich zu den schönsten Passagen aus „Wieviel Wahrheit braucht der Mensch?“, wie Safranski im Nachdenken über die Wahrheit des Schreibens in Kafkas Schreiben eine Zuflucht sieht, die für ihn identisch ist mit der Entscheidung für das Sehen an der Stelle des Seins. Wie er Kafkas Dasein als Zaungast herausarbeitet, ein Zaungast, der beständig nach Zeugen seiner Einsamkeit, seiner leidenschaftlichen Beobachtungen suchte, der einen dieser Zeugen mit der Vernichtung seiner Manuskripte beauftragte, „einen Menschen, von dem er genau wusste, dass er sich nicht an diesen Auftrag halten würde.“

          Europas Grenzen als Herzensthema

          So unsentimental kann das nur sehen, wer die Einsamkeit selber geschmeckt. Die Rede ist von der Fremdheit in uns, von den inneren Grenzen, die wir errichten, um nicht die süße Anstrengung unternehmen zu müssen, mit uns selbst bekannt zu werden. Und da wir Deutschen ein eigenwilliges Verständnis von Innerlichkeit haben, ein andern Völkern eher fremder Wesenszug, verbunden mit dem Hang, ungefragt dieses Innere nach außen zu kehren, scheinen jetzt die Außengrenzen unseres Landes, oder – wenn wir schon einmal dabei sind, wir machen ja nicht gerne halbe Sachen – die Grenzen von ganz Europa unser Herzensthema geworden zu sein. Gerade haben wir noch alles Fremde in und um uns herum vernichtet, schon wollen wir es grenzenlos willkommen heißen. Gegen Besserung ist nichts einzuwenden, doch darf man die Motive hinterfragen?

          Rüdiger Safranski hat es getan, und er hat sich eine Anzahl vernichtender Adjektive eingehandelt, die jeden James-Bond-Bösewicht vor Neid erblassen lassen würden. Die Kritik raunte von links, von rechts, von oben und unten, es wurde geschmettert und getönt, das einem Hören und Sehen verging. Empörung und Überzeugung, diese zwei deutschen Lieblingstäter, rangen in heftiger Umarmung um den ersten Platz in der Gunst der Wohlgesinnten. Verantwortungs- und Gesinnungsethik sprangen ihnen heroisch bei, für keinen Vergleich war man sich zu schade. Bis ins Sexuelle hinein witterte man in seinen Worten Konnotationen und verzichtete gedankenlos auf die von Safranski so wunderbar beschriebene romantische Ironie.

          Die Armee hat ganz andere Probleme

          Denn eigentlich war das der Vorwurf Safranskis gewesen, ein gänzlich undialektisches, das Gegenteil nicht bedenkenwollendes, ein ironiefreies „seid umschlungen Millionen“, dem, so hatte er gewagt zu fürchten, ein enttäuschtes Katzengeheule folgen könnte. Was hatte der Preisträger getan? Er hatte am Selbstverständnis des Guten gekratzt. Nicht mehr, nicht weniger. Nun, mit den Bösen kann man es vielleicht noch aufnehmen, aber wehe dem, der sich an die Guten heranwagt, an ihr Bild vom Fremden, der ihnen ebenso heilig wie unbekannt ist. Schauen wir uns die Bilder an, die man sich hier vom Fremden macht. Würde in der Naivität nicht ein alle Widersprüche ausblendendes Moment liegen, könnte man die fahnenschwenkenden Willkommensfundamentalisten tief gerührt in die Arme schließen, während die Fremden, ein weiteres Mal, ungesehen und unerkannt, traurig an ihnen vorbeizögen.

          Katja Nicodemus hat es kürzlich in Der Zeit auf den Punkt gebracht. Die neuesten Kinokomödien verarbeiten liebevoll „Den Flüchtling“, der freundlicherweise seine komplexe Biografie zuhause gelassen hat, um die empfindsamen deutschen Herzen nicht zu irritieren. Sie entwerfen ein Bild, dem sich nur ein herzloser Zyniker verweigern kann. Und wer ist das schon? Nein, wer will das schon sein? Warum nicht Safranski, oder Sloterdijk, oder Slavoj Žižek, dieser Irre, der es gewagt hat, die Armee ins Spiel zu bringen, wo doch jeder weiß, dass die, zumindest in Deutschland, gerade ganz andere Probleme hat?

          In gedankenfreier Selbstergriffenheit

          Ein Unmensch, wer sich gegen die Öffnung aller Grenzen stellt. Man will keine Wähler, keine Zuschauer, keine Leser verlieren. Die Mitte-Stimmen werden gebündelt und die extremen Ränder gestärkt. Man fühlt sich wie auf einem Dampfer auf unruhiger See, der Kapitän fährt auf allgemeinen Wunsch die sichernde Reling herunter – und alle Passagiere stürmen wohin? In die Mitte. Man beklagt mit gefüllten Taschen die Armut, man wackelt mit unheilbar empathischer Brustschwellung und gedankenfreier Selbstergriffenheit, leider nicht in  Gedankenfreiheit, über das Mitteldeck, beseelt von der eigenen inneren Wahrheit, mit der man in aller Bescheidenheit, vor allem aber uneigennützig, die Allgemeinheit beglücken will.

          Bei diesem Anblick würde selbst Mephisto, des Chaos  wunderlicher Sohn, in's Fäustchen weinen, oder aufgrund des Schmierentheaters seinen Namen zurückziehen, oder mit
          dem Kollegen seines Lieblingsdichters aufschreien, vielleicht aber auch nur seufzen: „Menschen, Menschen, falsche heuchlerische Krokodilsbrut“. Und Safranski? Der Kulturrassist? Was für eine Wortschöpfung. Hier scheint sich zu umarmen, was wahrlich nicht zusammengehört. Das Wort zeugt von tiefer Verachtung für jegliche Kultur. Man fühlt sich an die Nazizeit erinnert, als ein Abiturient bereits mit dem Verdacht geistiger Überheblichkeit belegt wurde.

          Safranski wehrt sich mit Nietzsche: „Nur im Angriff ist klingendes Spiel“. Wir dürfen die dunklen Seiten des Christentums, oder des Judentums kritisieren, aber jede
          Auseinandersetzung mit dem Islam ist tabu? Er kritisiert die Fundamentalisten, die sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnen und schreibt: „Sie wollen das Ganze begreifen und greifen nach dem ganzen Menschen; sie geben ihnen die Geborgenheit einer Festung mit Sehschlitz und Schießscharte; sie kalkulieren mit der Angst vor dem offenen Lebensgelände, vor dem Risiko der menschlichen Freiheit, die stets auch bedeutet: Ungeborgenheit, Alleinstehen, Ungewissheit. Sie wollen dem Menschen die Erfahrung ersparen, dass er mit einem Teil seines Wesens in der Fremde bleibt.“

          Gast mit beschränkter Aufenthaltsgenehmigung

          Etwas weiter leitet er über zu einer Religionsdefinition, die uns den Mangel in einer säkularisierten Welt bewusst werden lässt: „Bei anderen suchen, was man bei sich nicht findet, oder es dort zerstören, weil man es bei sich vermisst – das sind auch Quellen der Verfeindungstheorie zwischen den Menschen. Die Religion aber lenkt die horizontale Suchbewegung der Menschen in die Vertikale. Wenn es Gott gibt, sind die Menschen davon entlastet, füreinander alles sein zu müssen. Sie können aufhören ihren Mangel an Sein aufeinander abzuwälzen und sich wechselseitig dafür haftbar zu machen, wenn sie sich fremd fühlen. Sie brauchen auch nicht mehr so ängstlich um ihre Identität kämpfen, weil sie glauben dürfen, daß nur Gott sie wirklich kennt. Damit hilft die Religion dem
          Menschen, zur Welt zu kommen, indem sie das Bewusstsein der Fremde wachhält. Wahrhafte Religionen verhindern eine Einbürgerung mit Haut und Haaren. Sie erinnern den Menschen daran, daß er nur Gast ist mit beschränkter Aufenthaltsgenehmigung. Die Religion mutet dem Menschen das Eingeständnis der Ohnmacht, Endlichkeit, Fehlbarkeit und Schuldfähigkeit zu. Und sie macht sie zugleich lebbar. Die Ideologien indes setzen auf die Selbstmächtigkeit des Menschen. Religion ist die spirituelle Antwort auf die Grenzen des Machbaren, sie lässt sich verstehen als „Kultur des Verhaltens zum Unverfügbaren“ (Kambertel). Wenn diese Kultur schwindet, fallen die ökologischen und ökonomischen Maßhalteappelle auf wenig fruchtbaren Boden.“

          Ich habe zu Beginn von der Verbindung zwischen den Texten Rüdiger Safranskis und der Begegnung mit ihm selbst gesprochen. Anders als Houellebecq, der im Lesen die
          Begegnung mit einem Freund erlebt, beschreibt Proust das Lesen als die Begegnung des Lesers mit sich selbst. Da ich eher zu dieser Sicht neige, war ich gespannt auf den
          Mann hinter den Zeilen, oder, im Sinne Kafkas, auf die Suppe, die ihm schmeckt und darauf, was seine Erscheinung meinem Leseerlebnis hinzufügen würde.

          Versunkenheit von Kindern lernen

          Es war einer der wenigen Sonnentage dieses Frühlings. Rüdiger Safranski kam mit dem Auto aus Badenweiler, ich war aus Berlin mit dem Flugzeug angereist. Michael Gotthelf hatte zum Mittagessen in einer charmanten Bretterbude am Züricher See eingeladen. Es gab fangfrischen Fisch. Zum ersten Mal in meinem Leben aß ich Hecht. Unter uns lag der See, und es dauerte nicht lange bis Safranski seinen Motor anwarf. Ein Bücherleben eroberte Wort für Wort den Raum. Die Gespräche am Nebentisch erstarben, man spitzte die Ohren und neigte die Köpfe in verstohlener Neugier zu unserm Tisch hinüber.

          In spielerischer Assoziation verknüpfte Safranski sein Wissen mit Fragen, schnell landeten wir bei der Religion. Ich kannte einige seiner zugespitzten Formulierungen zu dem Thema und wollte wissen, ob hier einer vor dem Schlaf der Vernunft warnen wollte, oder ob das bereits Alarmismus war, der sich zur Warnung verhält wie der Aktionismus zur Tat. Sein Sprechen, sein Denken, erinnerten mich an den spielenden Menschen, an Friedrich Schiller, den er so eindrücklich in seinem Buch über die deutsche Romantik als einen Spieltheoretiker beschrieben hat.

          In der Auseinandersetzung mit meinem eigenen Beruf, der, genauer als in jeder mir bekannten Sprache, aus den Begriffen Schauen und Spielen zusammengesetzt ist, habe ich immer wieder Kindern beim Spielen zugeschaut. Das hat nichts mit den verspielten Albernheiten Erwachsener zu tun. Albern werden Kinder nur, wenn sie müde sind, oder die Objekte ihr Interesse, ihre Aufmerksamkeit nicht zu wecken vermögen. Was man von Kindern lernen kann, ist Versunkenheit, Begreifen durch spielerische Berührung und ein dem Objekt angemessener, zuweilen heiliger Ernst. Mit wenig Vergangenheit, kaum einer Ahnung von Zukunft, leben sie spielend im Hier und Jetzt. Mit jedem Blick und jeder Geste bejahen sie sich und ihre Existenz. Vielleicht ein Mut zum Sein „avant la lettre“. Der Begriff sollte später in unserem Gespräch noch eine Rolle spielen.

          Die getocknete Hülle des Klischees

          Man hat Rüdiger Safranski aufgrund seiner Äußerungen in die Nähe der AfD gerückt, oder als Nazi beschimpft, weil er die „Willkommenskultur“, oder, besser gesagt, ihre Motive hinterfragt hat. Mit Verlaub, das und nichts anderes ist Denken. Es verhält sich zum üblen Populismus, egal welcher Couleur, wie die Wirklichkeit zum Klischee: Beides hat miteinander zu tun, aber während die Wirklichkeit komplex und dialektisch ist, ihr Gegenteil immer in sich trägt, entzieht ihr das Klischee in gnadenlosem Reduktionismus jegliches Leben und speist uns mit dessen ausgetrockneter Hülle ab. Diese Positionen gleichzusetzen zeugt nicht nur von Denkfaulheit, vielmehr von Dummheit und gegen die kämpfen bekanntlich selbst
          Götter vergebens.

          Aber zurück nach Zürich. Der Fisch war gegessen, der Kaffee getrunken, ein, zwei Gläser Weißwein auch. Als wir wenig später in Michael Gotthelfs Haus, unweit von Thomas Manns letztem Domizil, eine weitere Flasche Wein öffneten, fühlte ich mich unweigerlich an das brillante Gespräch aus Houllebecqs Roman „Unterwerfung" erinnert, bei dem einige Flaschen Meursault eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Auch Houellebecq wurde vielfach missverstanden, auch ihm wurde plumper Antislamismus vorgeworfen, während er vielmehr das Bild des gescheiterten westlichen, im diesem Fall französischen Intellektuellen entworfen hat. Ein Mann, der in seinem Beruf, seinem Leben, seiner Sexualität, vor der absoluten Leere steht, im Gegensatz zu seinem ebenso gebildeten wie eloquenten muslimischen Gegenüber, der seine Existenz souverän bejaht.

          Gott und Adorno sind schon lange tot

          Safranski erzählte von seiner Studienzeit in Frankfurt, von Adornos Vorliebe und Wirkung auf junge Studentinnen, auch das wird von Houllebecq, allerdings um einiges profaner beschrieben, aber zur Zeit der „Unterwerfung“ waren Gott und Adorno ja schon lange tot. Und plötzlich fiel der Name Paul Tillich. Ich hatte von ihm schon öfter gehört, aber nichts gelesen. Alles, was Rüdiger Safranski nun streifte, zog mich in seinen Bann. Bereits auf dem Rückflug bestellte ich mir eine von Tillichs einflussreichsten Schriften: „Der Mut zum Sein“.

          Erlauben Sie mir, lieber Herr Safranski, zum Abschluss einen Blick auf Ihr Denken durch die Brille des  Religionswissenschaftlers und Philosophen Paul Tillich, mit dem Sie mich bekannt gemacht haben, so wie Sie Ihren Lesern fortwährend ihre Gedanken über das Denken anderer anvertrauen. Und erinnern wir uns, ich glaube, es war einmal so gedacht, wenn man jemandem etwas anvertraut, darf man hoffen, dass er, selbst da wo es ihm widerspricht, zumindest respektvoll damit umgeht. Paul Tillich hat seine autobiografische Skizze „Auf der Grenze“ genannt. Und über Grenzen wird gestritten, die eigenen, wie die fremden und es ist Ihr Verdienst, dass Sie beharrlich an die eigene Fremdheit eines Jeden innerhalb der eigenen Existenz erinnern. Es geht Ihnen nicht um das Errichten von Mauern und Zäunen, sondern um die Definition eines Begriffs und den Verweis auf seine Notwendigkeit. Ihren Kritikern schlage ich vor sich heute Abend einen Wein einzuschenken und dabei auf das begrenzende Glas zu verzichten.

          Paul Tillichs zentrale Themen in „Mut zum Sein“ sind die Grundbefindlichkeiten von Mut und Angst. Mut, so Tillich, „ist Selbstbejahung, trotz (…) alles dessen, was dazu beiträgt, das Selbst an der Bejahung seiner selbst zu hindern“. Angst hingegen ist „der Zustand indem ein Seiendes der Möglichkeit seines Nichtseins gewahr wird, oder kürzer gesagt: Angst ist das existentielle Gewahrwerden des Nichtseins“. Man kann zwar mit Woody Allen entgegenhalten, dass der Tod nach wie vor nicht empfehlenswert ist, aber auch damit werden wir, zumindest äußerlich, diese Grenze nicht einreißen.

          Der Mut zum Sein bedeutet für Tillich die Selbstbejahung des Einzelnen, indem er die Bedrohung durch Schicksal und Tod, Schuld und Verdammung, Sinnlosigkeit und Leere als Teil seiner Selbst anerkennt und überwindet, um nicht der Verzweiflung angesichts des Todes, des Nichtseins, anheimzufallen. Dieses Nichtsein markiert nicht nur die absolute Grenze, es gehört zu unserer Selbstwahrnehmung. Wir definieren uns über Grenzen, kleinere und größere, weil wir begrenzt sind. Sie bestimmen unsere Freiheit, so wie der Gedanke der Unendlichkeit ohne die Endlichkeit kaum existieren würde.

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