https://www.faz.net/-gqz-8oo9n

Christen in Indonesien : Blasphemie taugt immer als Anklage

  • -Aktualisiert am

Schwarzweißdenken und Hetze unter Lichterketten: Weihnachten in Indonesien. Bild: AFP

In Indonesien verschärft sich die muslimische Radikalisierung: Nun wird einem populären christlichen Gouverneur der Prozess gemacht. Vom Ausgang des Verfahrens hängt viel ab.

          5 Min.

          Es ist eine schwierige Weihnachtszeit für die Christen in Indonesien, die eine Minderheit von zehn Prozent im mehrheitlich muslimischen Land darstellen. Im November wurde der christliche chinesischstämmige Gouverneur der Hauptstadt Jakarta, Basuki Tjahaja Purnama, genannt „Ahok“, offiziell zum Verdächtigen in einem „Blasphemie“-Prozess erklärt, keine zwei Wochen nach einer von Islamisten organisierten Massendemonstration gegen ihn. Angeblich hatte er im gerade stattfindenden Wahlkampf um den Gouverneursposten den Koran beleidigt.

          Tatsächlich war von konservativen und radikalen Muslimen, die inzwischen weit in die indonesische Gesellschaft hineinreichen, seit Monaten Stimmung gegen Ahok gemacht worden, in Moscheen ebenso wie in sozialen Netzwerken. Zunächst ganz offen mit dem Argument, es könne nicht sein, dass ein Nichtmuslim die Hauptstadt Indonesiens anführe. Als dann ein Kommunikationswissenschaftsdozent namens Buni Yani ein Video Ahoks mit gefälschter Transkription veröffentlichte, die nahezulegen versuchte, der Gouverneur bezichtigte den Koran der Lüge – tatsächlich hatte er gesagt, die Wähler sollten sich nicht von Leuten anlügen lassen, die einen Koranvers als Argument gegen ihn benutzen –, schien das die Gelegenheit, auf die die Islamisten gewartet hatten: In der Hauptstadt Jakarta und anderen Städten organisierten sie Demonstrationen gegen den Gouverneur, die letzte, als muslimisches „Massengebet“ deklariert, mit Hunderttausenden Teilnehmern Anfang Dezember. In der vergangenen Woche wurde der Prozess gegen Ahok dann offiziell eröffnet.

          Lebensgefährliche Vorwürfe

          Das sind schlechte Nachrichten nicht nur für Christen und moderate Muslime, von denen niemand weiß, ob sie wirklich noch, wie häufig behauptet, die Mehrheit in Indonesien darstellen. Es sind auch schlechte Nachrichten für die Künstler des Landes. Denn wenn ein hoher Politiker und persönlicher Freund des Staatspräsidenten wie Basuki Purnama mit einer offensichtlichen Fälschung der Blasphemie angeklagt werden kann – welcher kritische Künstler, welcher Intellektuelle kann dann noch ausschließen, selbst zum Gegenstand solcher Vorwürfe zu werden? Vorwürfe, die nicht nur die Karriere, sondern potentiell das Leben kosten könnten? Leila Chudori, eine bekannte, kritische Schriftstellerin („Pulang - Heimkehr nach Jakarta“) und Journalistin, sagt offen, dass sie nach all den Erfolgen der Islamisten im zu Ende gehenden Jahr ihre Buchvorstellungen künftig kleiner halten werde, um nicht die Aufmerksamkeit radikaler Gruppen zu wecken. Zwar versuche sie immer noch, optimistisch zu bleiben, aber im tiefsten Inneren sei sie verzweifelt seit dem Tag, an dem Ahok offiziell zum Blasphemieverdächtigen erklärt wurde. „Ich kann das Gefühl nicht mehr abschütteln, dass die fortschrittlichen Kräfte den Kampf um Indonesien bereits verloren haben.“

          Hanung Bramantyo ist einer der erfolgreichsten Filmregisseure Indonesiens, er hat regelrechte Nationalepen gedreht: 2013 zum Beispiel einen Film über Sukarno, die Gründerfigur des modernen Indonesiens. Und einen der erfolgreichsten Filme dieses Jahres, über die Studienzeit des ehemaligen indonesischen Präsidenten „Rudy“ Habibie in Deutschland. Hanung Bramantyo ist gläubiger Muslim, seine Frau, eine bekannte Schauspielerin, trägt Kopftuch, und was einem neutralen Beobachter in seinen Filmen als Erstes auffallen könnte, ist eine frömmlerische Tendenz. So wird in beiden genannten Werken die hierzulande relativ neue orthodox-muslimische Gläubigkeit in das Indonesien der fünfziger und sogar zwanziger, dreißiger und vierziger Jahre zurückprojiziert; in eine Zeit also, in der der Islam vor allem auf der Hauptinsel Java noch sehr viel vermischter mit älteren animistisch-hinduistischen Formen gelebt wurde und die meisten indonesischen Muslime deutlich weniger Wert auf die orthodoxe Befolgung religiöser Regeln und Gebote legten, als es in Bramantyos Filmen scheint. Und doch wird selbst ein so offenkundig gläubiger Muslim wie Bramantyo von muslimischen Hardlinern kritisiert.

          Auf Hetzseiten im Internet wird ihm vorgeworfen, er hätte die „muslimische Gemeinschaft“ mit seinen Filmen beleidigt. Das könne er sich nicht erklären, sagt Bramantyo, „oder doch nur damit, dass ich in meinen Filmen bewusst für die pluralistische Verfasstheit Indonesiens werbe“. Tatsächlich sind in seinen Filmen spätestens auf einen zweiten Blick Details auffällig wie die Betonung der engen Freundschaft des ehemaligen Präsidenten Habibie mit einem nicht-muslimischen chinesischstämmigen Indonesier, Habibies Gebet in einer katholischen Kathedrale, weil es im Aachen der fünfziger Jahre noch keine Moscheen gab, oder die Insistenz auf der multiethnischen, multireligiösen Verfasstheit Indonesiens durch Sukarno in einer Schlüsselszene des ihm gewidmeten Films. Muslimische Gruppen hatten sich außerdem dagegen verwahrt, dass Bramantyo in einem Film die Unterdrückung von Frauen im konservativen Islam thematisiert hatte.

          Muslimisches Überlegenheitsgefühl

          Hat Hanung Bramantyo Angst, dass so etwas noch zunehmen könnte, dass es jetzt, wo sich die islamischen Konservativen und Radikalen bestärkt fühlen, für Künstler wie ihn gefährlicher werden könnte? Er antwortet ausweichend. „Noch gefährlicher? Ja, vielleicht.“ Es habe ihn traurig gemacht, dass Ahok so unklug gewesen sei, sich auf den Koran zu beziehen, er sei schließlich kein Muslim. „Aber das bedeutet nicht, dass ich möchte, dass Ahok wegen Blasphemie verurteilt wird, es heißt nicht, dass ich nicht möchte, dass er Gouverneur bleibt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass er ein sehr guter Gouverneur ist.“ Dann sagt der Regisseur noch: „Wissen Sie, ich versuche meinem Sohn, der bei seiner christlichen Mutter aufwächst, für den Islam zu interessieren. Ich versuche ihm zu vermitteln, dass der wirkliche Islam eine Religion des Friedens und der Liebe ist. Aber wie soll er mir das glauben, wenn die Radikalen ständig ein anderes Bild verbreiten?“

          Für Joko Anwar ist die neue Radikalität im indonesischen Islam ein Schock, aber keine Überraschung. Anwar ist ein wichtiger indonesischer Film- und Fernsehregisseur. Seine Filme werden auf internationalen Festivals gezeigt, er hat aber auch für den asiatischen Ableger des amerikanischen Senders HBO gedreht. Und Anwar ist einer der prominentesten Unterstützer Ahoks. Warum ist die Entwicklung in Indonesien keine Überraschung für den Vierzigjährigen? „Weil ich dieses Schwarzweißdenken, diese Vorstellung, dass Muslime etwas Besseres sind, dass wir in den Himmel kommen und alle anderen nicht, seit meinen ersten Tagen im Koranunterricht kenne.“ Indonesische Muslime seien, anders als die meisten Indonesier und auch viele westliche Experten behaupten, nie besonders moderat gewesen. Nur der politische Ausdruck ihres Überlegenheitsgefühls sei unter der Diktatur Suhartos – er stürzte 1998 – unter dem Deckel gehalten worden.

          Joko Anwar tritt für den christlichen Gouverneur ein: „Ahok ist mein Held, weil ich sehen kann, was er in Jakarta erreicht hat.“ Tatsächlich wird Ahok nicht nur von fortschrittlich gesinnten Künstlern und Intellektuellen, von Frauenrechtsverbänden und der überwältigenden Mehrheit von Angehörigen religiöser Minderheiten – neben Christen auch Hindus und Buddhisten – unterstützt, sondern von allen, die Angst vor einem endgültigen Sieg des konservativen und radikalen Islams im Land haben.

          Ein neues Pakistan?

          Bei einer Veranstaltung zum aktuellen Stand interreligiöser Toleranz in Indonesien sitzt auf dem Podium Yahya Cholil Staquf, der Generalsekretär des Obersten Rats von Nahdlatul Ulama (NU), der größten und moderatesten muslimischen Vereinigung in Indonesien. Er drückt sein Bedauern darüber aus, dass lokale Ortsgruppen seiner Organisation an den Demonstrationen gegen Ahok teilgenommen haben. Dieses Bedauern wirkt aufrichtig, Staquf redet im Folgenden Klartext. Der politische „Suprematismus“ – Staquf benutzt den englischen Begriff „supremacism“, der in den Vereinigten Staaten die Überlegenheitsideologie rassistischer weißer Gruppen bezeichnet - radikaler Gruppen sei im orthodoxen Islam angelegt. Wenn diese „mittelalterlichen“ Gedankengänge in modernen heterogenen Gesellschaften angewandt würden, führten sie zwangsläufig in eine Katastrophe. Indonesien stehe vor der Gefahr, ein neues Pakistan zu werden, auf dem Spiel stehe letztlich die Zivilisation selbst.

          So deutlich wie der NU-Generalsekretär würde das im heutigen Indonesien kaum ein Künstler oder Intellektueller noch zu formulieren wagen, der nicht die Rückendeckung eines solch großen muslimischen Verbandes hat. Zuletzt eine Frage an Staquf: Wird Gouverneur Ahok wegen Blasphemie verurteilt werden? „Das hängt davon ab, ob Indonesien zur Vernunft zurückfindet.“ Man darf gespannt sein. Die Gouverneurswahlen finden am 15. Februar 2017 statt, das Urteil im Prozess gegen Ahok soll deutlich vorher gesprochen werden. Die meisten Beobachter rechnen mit einer Verurteilung.

          Weitere Themen

          Nur keine Raserei

          Das Videospiel „Need for Speed“ : Nur keine Raserei

          Man soll den Verrätern Triumph und Niederlage mit gleicher Teilnahmslosigkeit begegnen: Jetzt ist die Stunde des Autorennspiels. Denn wir haben einen „Need for Speed“.

          Topmeldungen

          Japans Ministerpräsident Shinzo Abe

          Notstand in Japan : Abes steile Lernkurve

          Vor kurzem wollte er noch Olympische Spiele in Tokio veranstalten. Jetzt hat Ministerpräsident Abe dort den Notstand ausgerufen. Er ist in der Wirklichkeit gelandet.

          Dominic Raab : Kühle Strenge statt fröhlichen Elans

          Dominic Raab ist Boris Johnsons Wunsch-Vertretung. Der Außenminister bezeichnet sich als „neuer Konservativer“ und war früh für den Brexit. Sein Stil unterscheidet sich fundamental von dem des Premierministers.

          F.A.Z. exklusiv : Industrie erhöht den Druck für Exit-Strategie

          „Die Unternehmen müssen wissen, woran sie sind“, fordert DIHK-Chef Eric Schweitzer im Gespräch mit der F.A.Z. Auch die Autoindustrie warnt: „Der Hochlauf wird anspruchsvoll und Zeit benötigen“, meint VDA-Chefin Müller.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.