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Christdemokratischer Biorhythmus : Klingelingeling

Und täglich grüßt der Weckdiskurs: In der CDU deutet man die eigene Erosion weiterhin als Schlafphase. Warum aber aufwachen, wenn die Zeit schon abgelaufen ist?

          Wie viele Weckrufe möchte die CDU sich und ihren Wählern denn noch verordnen? Ein Unionspolitiker nach dem anderen erklärt: Wir brauchen einen Weckruf für die CDU. Als finde man nicht den Knopf zum Ausstellen der Schlummertaste. Zuletzt sagte das Parteimitglied Margret Mergen aus Karlsruhe (wo ja gerade die Oberbürgermeisterwahl für die Union verlorenging), dass die CDU „einen Weckruf“ brauche. Und rasselnd rief sie, klingelingeling: „Die CDU muss darüber nachdenken, wie sie in der Stadt wieder attraktiver werden kann. Wir müssen uns öffnen und den Dialog auch mit Andersdenkenden suchen.“

          Großstadttauglichkeit, Sichöffnen, Andersdenkende: es sind die stets gleichen akustischen Signale, mit denen der CDU-Wecker weckt. Sie haben nichts zu bedeuten, sind nur der Klöppel, der die Weckfunktion am Laufen hält. Denn darum geht es: den Glauben an die Weckbarkeit der Firma am Leben zu erhalten, die Erosion als Schlafphase umzudeuten, aus der man jederzeit erwachen könne. Solange man vorgibt, nur die Weckzeit richtig stellen zu müssen, braucht niemand dem Gedanken näherzutreten, dass die Zeit schon abgelaufen sein könnte.

          Der Politiker als Psychiater

          Reformappelle wollen ja immer auch nahelegen, es gebe noch etwas zu reformieren. Diese Durchhaltestimmung ist für einen Bundesparteitag, wie ihn die CDU gerade in Hannover hält, wichtiger als konkrete Definitionen von Großstadttauglichkeit, Andersdenkenden und Sich-öffnen. Der Weckdiskurs ist so diffus wie unendlich: Niemand kann wissen, was auf ein Wahlplakat gehört, das in der Großstadt, nicht aber auf dem Lande stehen darf (wo beginnt denn bitte in der digitalen Globalisierung die Zone des Nichturbanen, wo endet sie?). Niemals wird klar sein, wie anders jemand denken muss, um in die Zielgruppe der Andersdenkenden aufgenommen zu werden (steht eigentlich schon fest, wie gleich man denken muss, um als Gleichgesinnter zu gelten?).

          Und der Öffnungsappell ertönt immer dann, wenn der Marken-Charakter verblichen ist. Die Firma CDU will keine Marke mehr sein, weiß aber nicht, was sie sonst sein könnte. Vielleicht sollte sie, um der zehrenden Ambiguität gewachsen zu sein, mehr Psychiater in ihr Führungspersonal aufnehmen. Es ist ja kein Zufall, dass der neue Karlsruher Oberbürgermeister, der SPD-Politiker Frank Mentrup, von Haus aus Psychiater ist und mit dem Motto „Zuhören, verbinden und gestalten“ nicht nur die SPD, sondern auch Grüne und Piraten hinter sich versammeln konnte. Die Wähler wollen nicht mit den Klöppeln aus der Jargonkiste geweckt werden. Ihnen reicht das Gefühl, ihr Bürgermeister könnte auch ihr Psychiater sein.

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