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Chris Barber zum Geburtstag : Der Daddy von Keith Richards

  • -Aktualisiert am

Posaunist und Bandleader Chris Barber Bild: dpa

Sein Waschbrett war das „Missing Link“ zwischen Jazz und Rock ’n’ Roll: Nun wird der Posaunist und Bandleader Chris Barber neunzig Jahre alt.

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          Ohne ihn hätte es die Beatles nicht gegeben. Auch die Rolling Stones nicht, The Who nicht. Und The Kinks natürlich auch nicht. Rockmusik wäre – zumindest in England – gar nicht erst entstanden, wenn er nicht gewesen wäre. Eine maßlose Übertreibung? Immerhin stammt das Urteil von einem, der es wissen müsste, weil er dabei war. Bill Wyman hat das behauptet, der Mann, der dreißig Jahre lang neben Keith Richards und Mick Jagger mit dem E-Bass in der Hand auf der Bühne stand und genau beobachten konnte, von wem die Stones damals ihre besten Ideen abkupferten: Chris Barber hat die Brücken gebaut. Vom „New-Orleans- Jazz“ über den „Liverpool-Beat“ zum „London Rock“ und dann wieder zurück nach Louisiana und Memphis, Tennessee.

          Chris Barber? Der Posaunist, dem mancher Historiker mehr stoischen Frohsinn als musikalischen Tiefsinn attestierte? Der mit seinem Dixieland, nach dem bösen Wort des Gitarristen Volker Kriegel, eher zur Förderung des Bierkonsums beitrug als zur musikalischen Allgemeinbildung? Ja, genau der. Dieser Chris Barber ist nämlich alles andere als ein Naivling aus dem Hintergarten von Hertfordshire gewesen. Er hat sein musikalisches Rüstzeug an der renommierten Guildhall School of Music and Drama erhalten, hat einige der besten traditionellen Jazzmusiker Englands um sich geschart und wusste genau, dass man nicht nur mit der Emanzipation von zwölf Tönen musikalische Revolutionen anzetteln kann, sondern auch mit drei immergleichen Akkorden.

          Bisweilen auf eigene Kosten hat Chris Barber in den fünfziger Jahren Bluesmusiker vom Schlage eines Sonny Boy Williamson, Muddy Waters oder einer Sister Rosetta Tharpe nach England und in seinen Londoner Marquee Club geholt, wo Brian Jones, der genialste von den Rolling Stones, deren Phrasierungen so lange studieren konnte, bis er sie selbst beherrschte und seine Slide-Gitarrenversion von „Dust My Broom“ danach ausrichten konnte. Chris Barber ist in der Gründerzeit der Beat- und Rockmusik ein musikalischer Katalysator gewesen. Seine Jazz&Skiffle Group – mit Waschbrett und Banjo – war das Missing Link zwischen traditionellem Jazz und Rock’n’Roll.

          Bei „Rock Island Line“ von Lonnie Donegan, dem Gitarristen in Barbers damaliger Band, sind die angehenden Superstars der Rockmusik förmlich in die Radiogeräte hineingekrochen, um genau mitzubekommen, was da gespielt wird. Vergessen haben sie ihre Vorbilder nie, was man ihnen hoch anrechnen muss. Und so hat auch Bill Wyman in seiner Autobiographie unter dem Titel „Stone Alone“ Chris Barbers Verdienste um das auch von der Queen gewürdigte britische Kulturgut Rockmusik entsprechend betont.

          Mit seiner eigenen Musik ist Chris Barber dem traditionellen Jazz aus New Orleans treu geblieben. Auch damit hat er immensen Einfluss ausgeübt – vor allem auf die Dixieland-Welle der Fünfziger und Sechziger in Deutschland. Seine Adaption von Sidney Bechets „Petite Fleur“, die sein Klarinettist Monty Sunshine so einfühlsam nachempfand, war einer der größten Hits der fünfziger Jahre. Und das notorische „Ice Cream“, mit dem Chris Barber seit 1954 bis in die unmittelbare Gegenwart all seine Konzerte abschloss, ist so populär gewesen, dass es selbst als verballhorntes Zitat noch erkennbar blieb; etwa in Jim Jarmuschs Kultfilm „Down By Law“ von 1986, wo in einer chaotischen Szene die drei durchgeknallten Knastbrüder Jack, Zack und Roberto damit beinahe eine aberwitzige Gefängnisrevolte ausgelöst hätten. Chris Barber stand bis vor knapp zwei Jahren noch mit seiner Posaune auf der Bühne, musste dann aber nach einem Sturz seine Karriere beenden. Die Big Chris Barber Band aber ist weiterhin aktiv, auch ohne ihren Chef, der am morgigen Freitag neunzigsten Geburtstag feiern kann.

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