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Chodorkowski-Urteil : Natalja Wassiljewa rettet unsre Ehre!

  • -Aktualisiert am

Die neue Galionsfigur der Regimekritiker: Natalja Wassiljewa Bild: dapd

Im skandalösen Prozess um Michail Chodorkowski gibt es eine neue Größe: die Sekretärin des Richters. Sie bezeugt öffentlich, was viele über das Zustandekommen des Urteils längst vermuteten, und ihre Vorwürfe halten das Land in Atem.

          3 Min.

          Die russische Zivilgesellschaft hat eine neue Galionsfigur. Nachdem die Pressesekretärin des Richters im Chodorkowski-Prozess, Natalja Wassiljewa, zunächst im Privatfernsehen und gegenüber einer Internet-Zeitung aussprach, wovon bisher jedermann überzeugt war, was man aber nicht laut sagte, dass nämlich das Urteil von Frau Wassiljewas Chef, Viktor Danilkin, nicht von ihm selbst verfasst, sondern höheren Orts vorformuliert und ihm aufgezwungen wurde, atmen Regimekritiker und Nichtzyniker auf.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          "Würdig und feurig hast du uns gesagt, wie Richter Danilkin dem Stadtgericht unterlag", dichtete der Schriftsteller Dmitri Bykow im Duktus des sozialkritischen Poeten Nikolai Nekrassow (1821 bis 1878), der schon unter Reformzar Alexander II. die Stärke der russischen Frauen besang. "Wir Männer haben kein Gewissen mehr, Natascha Wassiljewa rettet unsre Ehr'", schließt Bykows Gedicht, das der Theaterschauspieler Michail Jefremow voll Pathos auf dem Privatkanal "Doschd" (Regen) deklamierte. Die bescheidende, von Prozessbeobachtern als freundlich und hilfsbereit beschriebene Wassiljewa sei über den Abgrund der Lüge hinweggeschritten, stellte der Publizist Leonid Radsichowski hochachtungsvoll fest.

          Unterstützende Aussagen

          Die Korrespondentin der Zeitung "Novaya gazeta", Vera Tschelischtschewa, die über den Chodorkowski-Prozess schrieb und hörte, wie Richter Danilkin hinter verschlossener Tür die Staatsanwälte anschrie, erklärte sich bereit, vor Gericht für sie auszusagen. Die Passantin Swetlana Dobronrawowa, die zufällig mit anhörte, wie eine Staatsanwältin am Telefon erklärte, das Urteil werde vom Stadtgericht geliefert, will das im Zeugenstand bestätigen. Am Wochenende schmückten Aktivisten der Oppositionsbewegung "My" (Wir) die Brücke, die gegenüber dem Kreml den Moskwa-Fluss überquert, mit einem Plakat, auf dem neben einem Chodorkowski-Porträt Premierminister Putin hinter Gittern abgebildet ist. Darunter stand: "Zeit, die Plätze zu tauschen". Putin könne man mit deutlich mehr Strafgesetzparagraphen belangen als Chodorkowski, erklärte der Anführer von "My", Roman Dobrochotow.

          Internet-Guerrilleros halten Natalja Wassiljewa nun vor, sie sei für ihren Auftritt bezahlt worden oder habe sich wichtig machen wollen. Der Fernsehkanal NTW, der wie alle anderen Staatssender den Fall zunächst unkommentiert gelassen hatte, erwähnte den Fall in seiner Magazinsendung "Zentrales Fernsehen".

          Die Angehörigen im Visier

          Dafür, dass die Medien-Beauftragte tatsächlich lange mit sich rang und dann die Gewissenslast nicht mehr ertrug, wie sie sagt, spricht freilich schon, dass sie betont, wie hoch sie ihren Chef, Richter Danilkin, achte. Der Gerichtsvorsitzende sei kompetent und anständig. Doch im Chodorkowski-Prozess sei er großem Druck ausgesetzt gewesen, habe aufgrund der Belastung sogar Herzmedikamente einnehmen müssen. Tatsächlich sollen Danilkins Führungsoffiziere unzufrieden mit ihm sein, weil er das Verfahren in die Länge zog und zu viele Zeugen der Verteidigung auftreten ließ.

          Danilkin bezichtigt seine Mitarbeiterin, die jetzt Urlaub genommen hat, der üblen Nachrede. Vorerst will er sie aber nicht verklagen, ja nicht einmal entlassen. Dafür geraten ihre Angehörigen ins Visier: Die persönliche Akte von Natalja Wassiljewas Ehemann, der bis letztes Frühjahr bei der Miliz arbeitete, wird geprüft. Beamte in Zivil, die sich nicht ausweisen wollten, erkundigten sich bei seinen Eltern nach ihm.

          Sinnsprüche über die Knute

          Dem Fernsehpublikum wird unterdessen mit schwerer medialer Artillerie eingehämmert, es könne ohne eiserne Hand nicht leben. In diesem Jahr jährt sich der 20. Parteitag der KPdSU, wo Chruschtschow die Entstalinisierung einleitete, zum 55. Mal. Doch als im Talk-Programm des Petersburger Kanals "Sud wremeni" (Gericht der Zeit) über das Stalin-Erbe debattiert wurde, waren die Zuschauer angeblich mehrheitlich auf Seiten der Stalinisten. Jetzt stritten in der NTW-Sendung "Poedinok" (Duell) die Schriftsteller Viktor Jerofejew und Alexander Prochanow über den Sowjetdiktator. Jerofejew erklärte, Stalin, der ehemalige Seminarzögling, habe durch Terror und Massenmord das Christentum verraten, der Stalinkult sei eine Krücke für Infantile. Prochanow, der orthodox und Stalinist zugleich ist, erinnerte an Stalins große "historische und militärische Siege", die ohne menschliche Opfer nicht zu erringen gewesen seien.

          Der Historiker Juri Piwowarow, der unter den Sekundanten saß, durfte zwar anmerken, Stalin sei ein Menschenfresser und seinen Erfolgen fehle die Nachhaltigkeit. Doch die Zuschauer kürten Prochanow klar zum Sieger. Als stimmten sie dem "politischen Konsultanten" Anatoli Wasserman zu, der mit perfidem Lächeln erklärt hatte, die Stalin zugeschriebenen Verbrechen kündeten vor allem von der Bosheit seiner Ankläger. Oder dem Jura-Professor Sergej Tschernjachowski, der behauptete, Stalinisten argumentierten rational, Antistalinisten hingegen hysterisch.

          Wir brauchen wohl die Knute, schloss Talkmaster Wladimir Solowjow, weil wir ohne sie nicht anständig und ehrlich sein können.

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