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Chinesisches Skandalvideo : Alle Ausländer sind Hochverräter

  • -Aktualisiert am

Krachende Faust: Für die öffentliche Sicherheit sollen Bürger verdächtige Ausländer unter dieser Nummer melden Bild: Archiv

Eine Welle von Fremdenfeindlichkeit: In China hat sich der Volkszorn über die angebliche Bevorzugung von Westlern angestaut. Jetzt artikuliert er sich prominent in den Medien.

          4 Min.

          Ausländer in China zu sein, ist immer noch ein privilegierter Zustand. Autofahrer zögern, so dicht an westliche Fußgänger heranzufahren wie an einheimische, weil ein Unfall mit Ausländerbeteiligung extrem viel Ärger bringt. Europäische und amerikanische Arbeit und Produkte werden immer noch so hoch geschätzt, dass sie oft nachgeahmt werden. Und im Alltag herrschen Respekt und Freundlichkeit vor.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Doch in den letzten Wochen haben einige symbolisch aufgeladene Bilder und Begriffe die chinesische Öffentlichkeit besetzt, die die Ausländer-Community stark verunsichern. Es fing mit einem kurzen Film an, der auf die Video-Webseite Youku hochgeladen wurde und dort innerhalb kurzer Zeit weit mehr als zehn Millionen Mal angeschaut wurde. Die ersten Sekunden zeigen an einer großen Pekinger Straße bei Nacht einen Kaukasier, der später als britischer Tourist identifiziert wurde, zwischen den Beinen einer nur noch leicht bekleideten schreienden jungen Chinesin; mehrere chinesische Männer reißen ihn von der Frau weg und prügeln mitten auf der Straße so lange auf ihn ein, bis er sich nicht mehr rührt.

          Die Stadt „säubern“

          In der massenhaften Rezeption wurde aus dem Dokument eines Kriminaldelikts, der versuchten Vergewaltigung, um die es sich offenbar handelte, die Szene einer fortdauernden Demütigung Chinas durch Westler auf eigenem Boden sowie des entschlossenen Widerstands, zu dem sich Chinesen schließlich aufraffen. „Verschwindet, wo auch immer ihr herkommt, Peking heißt euch nicht willkommen“, schrieb einer von Millionen empörten Kommentatoren in Anspielung auf die kosmopolitische Grußformel der Stadt während der Olympischen Spiele.

          Kurz darauf annoncierte das Pekinger Amt für öffentliche Sicherheit auf seiner Website „Friedliches Peking“ eine hunderttägige Kampagne, um die Stadt von Ausländern ohne Aufenthaltsgenehmigung zu „säubern“. Die Ankündigung wurde, wie bei Aufräumkampagnen dieser Art üblich, mit einer dreinschlagenden Faust illustriert und außerdem mit einer Hotline-Nummer versehen, bei der verdächtige Ausländer gemeldet werden können. Im chinesischen Internet stellten viele sofort den Zusammenhang zu dem Skandalvideo her, doch das Amt selbst hat bestritten, dass die Aktion etwas damit zu tun habe. Tatsächlich dürften über die offiziell in der Stadt gemeldeten zweihunderttausend Ausländer hinaus noch eine Reihe mehr in Peking mit mehr oder minder gefälschten Papieren leben, auf deren Erstellung sich ein ganzer Geschäftszweig spezialisiert hat.

          Sexuelle und politische Konnotationen

          Verstörend war dann erst die Reaktion darauf, die ausgerechnet vom Gastgeber einer Fernsehsendung kam, die chinesische und internationale Positionen miteinander ins Gespräch bringen will. Yang Rui, der im englischsprachigen Kanal des Staatssenders CCTV die Sendung „Dialogue“ moderiert, schrieb auf seinem Weibo-Account (dem chinesischen Twitter-Äquivalent) einen Kommentar, der die im Netz umherschwirrenden Ressentiments in einer schon aberwitzigen Konzentration bündelt. Er schreibt vom „ausländischen Müll“, der jetzt weggefegt werde, wobei er offenlässt, ob er alle Ausländer als Müll anspricht oder nur, wie er später versicherte, jene, die tatsächlich „Müll“ sind.

          Dieser Müll zeichne sich zum einen dadurch aus, dass er daheim keine Arbeit finde und nun China dazu benutze, Geld abzugraben, Menschenhandel zu betreiben und Einheimische zur Ausreise zu verführen. Zum anderen betätigten sich diese Leute als Spione, um GPS-Daten ins Ausland zu übermitteln. Die chinesischstämmige amerikanische Journalistin Melissa Chan, die wegen ihrer Berichterstattung vor kurzem ausgewiesen wurde, bezeichnet Yang als „schamlose ausländische Schlampe“ und ruft ihr hinterher: „Wir sollten alle, die China dämonisieren, zum Schweigen bringen und ihre Koffer packen lassen.“ Die sexuelle Konnotation verbindet sich da mit einer politischen: Müll ist offensichtlich auch, wer an der chinesischen Regierung Kritik übt.

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