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Chinas Wunsch nach Mainstream : Dieser Traum war nie für uns gedacht!

  • -Aktualisiert am

„Eine Achterbahnfahrt durch Erinnerung, Melancholie und Filmmagie“: Die Filme des jungen Regisseurs Bi Gan, hier: „Long Day’s Journey Into Night“ Bild: Festival de Cannes

Was wurde aus der unbeschwerten, garantiert irritationsfreien romantischen Komödie? Die Chinesen schimpfen über den Film „Die letzte Nacht auf Erden“ des jungen Regisseurs Bi Gan. Schuld ist sein Kunst-Anspruch.

          Zwischen Hoch- und Populärkultur unterscheidet man nicht: In der Hochkultur hat sich diese Überzeugung seit langem durchgesetzt, in Kreisen also, die sich einiges darauf zugutehalten, dass sie zwischen allen möglichen Ebenen der Künste souverän hin und her pendeln können. In China ist es jetzt jedoch zum seltenen Fall einer Gegenprobe gekommen, bei der eine Erwartung von Populärkultur so bitter enttäuscht wurde, dass die Aktie des verantwortlichen Investors „Huace Media“ auf ihren bislang niedrigsten Stand stürzte.

          Es geschah an Silvester. Der Film „Die letzte Nacht auf Erden“ des jungen Regisseurs Bi Gan (der seine vielbeachtete Premiere in Cannes unter dem internationalen Titel „Long Day’s Journey into Night“ erlebt hatte) lief in den Kinos der Volksrepublik am 31.Dezember um 21.50 Uhr an, so dass die letzte Minute, eine Kussszene zwischen den Superstars Tang Wei und Huang Jue, exakt auf den Jahreswechsel fallen würde. Die Werbung in den sozialen Medien forderte das Publikum auf, „die wichtigste Nacht des Jahres mit dem wichtigsten Menschen in deinem Leben zu verbringen – mit einem Kuss“.

          Nie war ein Arthouse-Film in China erfolgreicher

          Die Strategie ging tatsächlich auf: Der Film spielte in dieser Nacht 264 Millionen Yuan, umgerechnet 38 Millionen Dollar, ein, das übertrifft sogar die Zahlen, die „Transformers: The Last Knight“ erreichte; noch nie war ein Arthouse-Film in China erfolgreicher gewesen. Doch schon während der Vorführungen kam es zu dramatischen Szenen. Augenzeugen berichten von Scharen erboster Menschen, die fluchtartig die Kinos verließen. Auf der Kino-Website Maoyan erreichte der Film nur 2,8 von zehn Punkten; die Kommentare überboten sich gegenseitig in Superlativen der Ablehnung: „Der schlechteste Film in der Geschichte! Betrüger, Diebe! Ich bin entrüstet.“

          Am nächsten Tag gingen die Einnahmen auf 11,15 Millionen Yuan zurück. Die Wut war offenbar so groß, weil man den Verheißungen des Marketings bislang bedenkenlos vertrauen konnte: Wenn sie die Spur einer unbeschwerten, garantiert irritationsfreien romantischen Komödie mit größtmöglichem gemeinsamen Nenner auslegten, war das glaubhaft. Nun aber war man unversehens auf eine „Achterbahnfahrt durch Erinnerung, Melancholie und Filmmagie“ (The Hollywood Reporter) gelockt worden, in eine „Erkundung expressionistischen Neulands voller Fragen nach Zeit, Raum und Wahrheit“ (The Daily Beast), in ein „dicht gewobenes und langsam hypnotisierendes kinematographisches Fest“ (Twitter).

          Es scheint gerade der Kunst-Anspruch gewesen zu sein, der die empörtesten Reaktionen hervorrief: „Es ist so schwer, ein Normalo zu sein: Man gibt sein hartverdientes Geld aus, um einen Film zu sehen, und wenn er einen in den Schlaf wiegt, taucht schon die ‚Kulturjugend‘ auf und sagt: ‚Diese Art Traum war nie für Leute wie dich gedacht‘.“ „Kulturjugend“ (Wenyi Qingnian) ist in China ein eingeführter Begriff für junge Leute, die Gedichte, Katzen, europäisches Kino und Fotografie-Blogs mögen. Jetzt schlägt der sogenannte Mainstream zurück und besteht auf seinem Recht, sich vom sogenannten Höheren zu unterscheiden.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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