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Chinesische Sprachpolitik : Die Orchidee im Morgentau verblüht

  • -Aktualisiert am

Der Nachname „Jin” für Gold kommt in China oft vor Bild: FAZ.NET

China führt neue Personalausweise ein. Ausgefallene Namen sind nun nicht mehr erwünscht. Doch die Chinesen lieben gerade sie und fürchten eine Begrenzung der persönlichen Freiheit. Deshalb gibt es eine heftige Debatte.

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          Ob „kleine Morgenröte“, „Orchidee im Morgentau“ oder „Lotusblüte, die die Tränen der Welt sammelt“ - chinesische Namen sind wie Musik. Da muss es grotesk anmuten, wenn ein chinesischer Beamter zu folgendem Urteil kommt: Tut uns sehr leid, aber Ihr Name ist uns zu ausgefallen. Ändern Sie ihn bitte umgehend. So könnte es demnächst rund sechzig Millionen Chinesen ergehen, deren Namen aus Sicht der chinesischen Behörden zu ungewöhnlich sind.

          Hinter dieser Initiative steht das Bemühen der chinesischen Regierung, die Landesverwaltung weiter zu modernisieren. So ist geplant, die bislang handgeschriebenen Personalausweise der 1,3 Milliarden Staatsbürger durch computergedruckte Ausführungen mit Farbfoto und Mikrochip zu ersetzen. Diese könnten an sicherheitsrelevanten Plätzen schneller eingescannt und überprüft werden, und sie seien auch schwerer zu fälschen.

          Hundert Namen

          Allerdings birgt die Umstellung ein großes Problem: Die offizielle Computersoftware vermag nur 32.252 chinesische Schriftzeichen zu erkennen. Dem gegenüber steht das berühmte Wörterbuch des Kangxi-Kaisers aus dem Jahre 1716. Die rund 47.000 darin aufgeführten Schriftzeichen bilden die Grundlage der chinesischen Schrift in ihrer heutigen Form. Die geplante Umstellung würde somit die Zeichenauswahl um knapp 15.000 Zeichen reduzieren.

          Im alltäglichen Sprachgebrauch finden viele dieser Schriftzeichen keine Verwendung mehr. Wie die Untersuchungen des Sprachwissenschaftlers Jun Da von der Universität in Tennessee belegen, reicht bereits die Kenntnis von knapp dreitausend Schriftzeichen aus, um moderne Informationstexte zu verstehen. Für belletristische Texte sei die Beherrschung von 3600 Schriftzeichen vonnöten. Ausländern attestiert der Linguist ein fortgeschrittenes Sprachniveau, wenn sie zwischen 3500 und fünftausend Zeichen kennen.

          Bei der Namensfindung hingegen greifen Chinesen bevorzugt auf selten gebrauchte Schriftzeichen zurück. Das liegt daran, dass chinesische Familiennamen kein hinreichendes Unterscheidungsmerkmal darstellen. Wang beispielsweise ist der meistverwendete Familienname in China. Mehr als 92 Millionen Chinesen führen ihn, dicht gefolgt von Li (91 Millionen) und Zhang (86 Millionen). Einer Untersuchung der „New York Times“ zufolge ist die Konzentration auf wenige Familiennamen in China frappierend. Hundert Namen decken demnach 85 Prozent der chinesischen Bevölkerung ab - ein Umstand, aus dem sich die Bezeichnung für Volk, nämlich „laobaixing“, ableitet, was so viel wie „die alten hundert Namen“ bedeutet. Zum Vergleich: In den Vereinigten Staaten haben neunzig Prozent der Amerikaner circa 70.000 verschiedene Nachnamen.

          Hohe Bedeutung der Individualnamen

          Dieser Umstand zeigt, dass chinesische Familiennamen ein besonders wenig hinreichendes Unterscheidungsmerkmal darstellen, was wiederum die Bedeutung der Individualnamen drastisch erhöht. Über Wochen und Monate hinweg suchen Elternpaare nach einem geeigneten Vornamen, der ihre Zöglinge von den anderen 92 Millionen Wangs unterscheidet. Wie der Sinologe Wolfgang Behr vom Ostasiatischen Seminar der Universität Zürich erläutert, sollen chinesische Individualnamen dabei nicht nur schön klingen.

          Sie verweisen oft auch auf physiologische Charakteristika (“kraftstrotzender Recke“) oder spiegeln den Zeitgeist und politische Rahmenbedingungen wider. So lässt beispielsweise der fortschrittverheißende Name „England übertreffen“ (Chaoying) darauf schließen, dass die Namensträgerin im Jahr 1958 geboren wurde, als die chinesische Regierung die Kampagne „Großer Sprung nach vorn“ initiierte. Dieses Phänomen ist nicht passé: 2008 bezeugten die Chinesen ihre Vorfreude auf ein Großsportereignis dadurch, dass allein im Januar des vergangenen Jahres viertausend Kinder den Namen „Olympische Spiele“ (Aoyun) erhielten.

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