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Chinesische Kulturpolitik : Verräterisch im Gespräch

  • -Aktualisiert am

„Map of China“: In seinem Heimatland wird Ai Weiweis Kunst nicht gerne gesehen Bild: AFP

Kulturminister Wu will die „Kulturindustrie voranbringen“. Zwischen wertvoller und gefährlicher Kultur entscheidet aber weiterhin die Partei. Die Backstreet Boys stehen immer noch auf der schwarzen Liste.

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          Welche Art Kultur will der chinesische Staat? So leicht wie zu Maos Zeiten ist diese Frage nicht mehr zu beantworten, seitdem sich die Kommunistische Partei vor zehn Jahren das Konzept der „Kulturindustrie“ zu eigen machte und daran ging, öffentliche Kulturinstitutionen wie Opern oder Verlage in marktwirtschaftliche Unternehmen umzuwandeln.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Auch Kulturminister Cai Wu, der jetzt im Presse-Salon des Allchinesischen Journalistenverbands „Freunden von den Medien“ aus In- und Ausland Auskunft über die aktuelle Lage des Systems gab, sprach erst mal über das Ziel, dass die Kultur vier Prozent des nationalen Bruttoinlandprodukts erreichen soll. „Wir arbeiten hart daran“, sagte er, „die Kulturindustrie voranzubringen.“

          Von dieser Profitpflicht seien freilich öffentliche Dienstleister wie Bibliotheken ausgenommen, und überhaupt gelte: Kultur sei nie nur als Ware, sondern immer auch als Träger von Traditionen und Ideologien zu betrachten und insofern ein gesellschaftliches Recht und Gegenstand der Erziehung, „um das Leben der Menschen besser und glücklicher zu machen“.

          Noch einen Schritt weiter

          Welche Traditionen und Ideologien genau sein Ministerium als Weg zum Glück fördern will, erläuterte er aber nicht weiter. Es war ausgerechnet eine Reporterin der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua, die die listige Frage stellte, ob denn die Ideologie des Landes identisch sei mit der Ideologie der Partei.

          Minister Cai, der im dunklen Freizeitblouson, wie die chinesischen Kader ihn außerhalb diplomatischer Anlässe tragen, betont unprätentiös aussah, rief darauf die klassische Lehre in Erinnerung, dass die Kommunistische Partei Chinas, da sie aus dem Volk komme und dem Volk diene, den besten Teil der kulturellen Werte des Landes repräsentiere und insofern mit der Ideologie der Nation tatsächlich identisch sei.

          Dann aber ging Cai noch einen Schritt weiter: Durch das dritte Plenum im vergangenen Jahr sei deutlich geworden, dass die Partei nicht nur die Wünsche der Chinesen, sondern auch die besten Traditionen aller Völker der Gegenwart repräsentiere, wie zum Beispiel Demokratie, Gerechtigkeit und Zivilisiertheit.

          Fliegen und Mücken

          Die Partei sieht sich heute also, so musste man den Minister verstehen, gar nicht mehr als eine partikulare Gruppe, sondern als Sachwalter des Allgemeinen, in dem im Grunde immer schon alles, ob national oder international, enthalten sei – unter der Voraussetzung freilich, dass es das „Beste“ sei, und diese hier noch nicht ausdrücklich ausgesprochene Bedingung wurde etwas später noch sehr deutlich.

          In der Zwischenzeit lud Cai die Kulturministerin Taiwans, die auf dem Festland vielgelesene Publizistin Lung Ying-tai, ein, in ihrer Eigenschaft als Kulturministerin Peking zu besuchen – „schließlich gehören wir ja alle zur selben Familie“. Er schob die Verantwortung dafür, dass China den Kulturaustausch mit Japan ausgesetzt hat, den rechtsgerichteten Politikern in Tokio zu, deren Leugnung der Vergangenheit eine ehrliche Beziehung unterminiere.

          Und er erinnerte an die Han- und Tang-Dynastie, die gerade wegen ihrer Weltoffenheit so bedeutend gewesen seien, und begründete damit die Politik der kulturellen Öffnung, die China betreibe: „Wir müssen die Größe und die Schönheit aller Kulturen miteinander teilen.“ Gegen Ende aber sprach der Minister über die fortdauernde Geltung eines eigenartigen Wortes: „Kultursicherheit“. Durch ein offenes Fenster, das frische Luft hereinlasse, kämen, wenn man nicht aufpasst, auch Fliegen und Mücken. „Feindlichen Kräften“ gelte es zu widerstehen.

          Unklare Kriterien

          Nicht allzu verdeckt gab sich der Kulturdiskurs, von dem der Minister redete, da wieder als Machtdiskurs zu erkennen, das hat sich seit Mao kaum geändert: Die neuerdings so entgrenzte Partei behält sich weiter das Recht vor, zwischen wertvoller und gefährlicher Kultur, zwischen einem „schönen Geist“ (Cai Wu) und seinem Gegenteil eine Grenze zu ziehen. Nur sind ihre Kriterien dafür weit unklarer.

          Dreißig Jahre alte japanische und südkoreanische Fernsehserien, als deren Fan sich der Minister bekannte, scheinen in Ordnung zu sein, die von ihm nicht erwähnten Backstreet Boys, nur so als Beispiel, dagegen nicht; jedenfalls standen diese wegen ungenannter Verstöße gegen die Kultursicherheit auf einer schwarzen Liste des Ministeriums, deren Künstler auf chinesischen Websites nicht auftauchen dürfen.

          Künstler, die die Partei kritisieren, haben dort natürlich erst recht nichts zu suchen. Man kann es als Fortschritt verbuchen, dass die Unterscheidung heute nicht mehr Sache des Parteivorsitzenden ist, sondern die von Sachbearbeitern, die keinen Fehler machen wollen; aber aus ihrem Klima opportunistischer Verzagtheit holt das die kulturellen Institutionen in China nicht gerade heraus.

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