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Chinesische Kulturpolitik : Große Proletarische Kulturreform

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Welcher Kulturbegriff die „Hundert-Blumen-Bewegung“ leiten soll, ist offen. Unser Bild zeigt eine traditionelle chinesischen Oper in Hongkong
          5 Min.

          Was bedeutet es, dass das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas in einer Zeit globaler ökonomischer Verunsicherung und im Jahr vor der Pekinger Machtübergabe ausgerechnet die Kultur zu einem Hauptthema der nationalen Entwicklung erklärt? In dem „Beschluss bezüglich des wichtigen Themas der Vertiefung der Reform des kulturellen Systems sowie der Förderung der Großen Entwicklung und der Blüte der Sozialistischen Kultur“, den die oberste jährliche Parteiversammlung jetzt in der üblichen barocken Sprache veröffentlicht hat (F.A.Z. vom 28. Oktober „Die Partei der Harmonie“), geht es um Kultur nicht bloß im Sinne der Kulturindustrie und auch nicht nur als Mittel der „Soft Power“ inmitten der neuen Weltordnung; beides propagiert Peking schon seit Jahren. Vielmehr ist Kultur in Großbuchstaben das Thema, als Inbegriff der historischen Gestalt der Nation und als „spirituelle Heimat des Volks“. In dem Text ist von einem Vakuum die Rede, das gefüllt werden soll.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Blickt man auf die Phasen der kommunistischen Herrschaft im Land zurück, lässt eine solche Formulierung das Schlimmste befürchten. Denn es war ja gerade einer der wesentlichen Fortschritte der Reformpolitik nach der Kulturrevolution Maos, dass sich die Partei nicht mehr um das kümmern wollte, was die Menschen in ihren Herzen tragen: Die Menschen sollten sich um ihr Reichwerden sorgen und die Parteiherrschaft und deren Regeln nicht nach außen anfechten, alles Übrige aber sollte ihnen und ihrem Sinn für Opportunität überlassen bleiben.

          Die Folge war, dass sich die Gesellschaft im Zuge des sich ausweitenden Marktes immer weiter pluralisierte und aufsplitterte und zuvor fraglos geltende Selbstverständlichkeiten zusehends erodierten. Das gilt für Lebensstile, aber auch für die Moral. Erst in den letzten Wochen gab es erregte Diskussionen darüber, wie es sein kann, dass Kinder und Alte auf offener Straße sterben, ohne dass ihnen jemand zu Hilfe kommt.

          Spiritualisierung des Sozialismus

          Doch bis jetzt konnte man den Eindruck haben, dass die moralisch-kulturell-ideelle Leere geradezu als Voraussetzung der Parteiherrschaft fungierte. Jedwedes Engagement jenseits kommerzieller Zwecke, womöglich gar unter universalistischen Vorzeichen, ist den staatlichen Kontrolleuren schon im Ansatz verdächtig, da es als Konkurrenz zum Universaleinordnungsanspruch der Partei in Frage kommt. Gerade dass die Partei sich die Förderung der Kultur bisher vor allem in Gestalt der Kulturindustrie angelegen sein ließ, zeigte ihre Absicht an, sie in den Kosmos kapitalistischer Vervielfältigung und Neutralisierung einzufügen.

          Doch die Entleerung ist für die Herrschaft auch eine Gefahr: Sie kann eine Gesellschaft, die aller mäßigenden und selbstheilenden Kräfte beraubt ist, schutzlos gegen die Eskalierung von Spannungen machen. Die Parole von der „Harmonischen Gesellschaft“, unter die Staatspräsident Hu Jintao seine Regierungszeit gestellt hat, zeigte schon an, dass auch der chinesische Staat auf der Suche nach einem Kitt ist, der die Gesellschaft zusammenhalten kann. Nun verkündet das Papier des Zentralkomitees: „Spirituelle Leere ist nicht Sozialismus.“ Und als Allheilmittel gegen Entleerung und Zersplitterung fordert es Kultur: eine Kultur nach außen, die der wiedererrungenen historischen Bedeutung des Landes entspricht, und eine Kultur nach innen, die die geistigen Bedürfnisse des Volks stillt.

          „Nationale Kultursicherheit“

          Verwandte Bestrebungen kennt auch der Kulturkonservativismus im Westen, doch im Fall der chinesischen Kommunisten ist das Paradox auf die Spitze getrieben: Die Leere der Gesellschaft spiegelt ja nur den technokratischen Funktionalismus der Partei selbst. Soll nun also die Quadratur des Kreises ins Werk gesetzt werden, mit Hilfe der Technokratie die Technokratie zu überwinden und dem Land eine kulturelle Seele einzuhauchen? Ist das womöglich die verklausulierte Ankündigung eines umfassenden Rollback? Der Zeitungskolumnist Zhao Chu erinnerte in seinem Kurzmitteilungsblog daran, dass auch die Kulturrevolution mit der Kritik an einem Theaterstück begonnen hat.

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