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Chinesische Gartenkunst : Mit sich selbst und dem Kosmos im Reinen

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Mit 2,7 Hektar der größte seiner Art in Europa: Chinesischer Garten in den Gärten der Welt in Berlin Bild: Picture-Alliance

Wo gestalteter Raum mit Poesie und Erkenntnis verschmilzt: Die chinesische Gartenkunst findet hierzulande immer mehr Anhänger. Auf welcher Tradition baut sie auf?

          Wollten Sie nicht schon immer einen Garten haben, der Ihrer Gesundheit, Ihrem Glück und Ihrem Wohlstand zuträglich ist? Dann müssen Sie, wie in einschlägigen Ratgebern nachzulesen ist, einen Feng-Shui-Garten anlegen. Inzwischen sind im Westen nicht nur Meditationstechniken und Heilkräuter aus China gegen geistige und körperliche Gebrechen populär, sondern auch die chinesische Gartenkunst findet immer mehr Anhänger. Jedes Gartencenter, das etwas auf sich hält, bietet Bambusarten und andere fernöstliche Gehölze an. Längst sind japanische und chinesische Gärten nicht mehr nur in großen Parkanlagen, sondern auch in den schicken Wohnvierteln der Besserverdienenden zu finden.

          Die eklektische Rezeption bedient sich einzelner Stilmittel und Pflanzen, um schnell wechselnde Modeströmungen zu befriedigen, ignoriert aber allzu oft historische und kulturelle Spezifika. Der chinesische Gartenstil ist reinster Kunststil, der sich jeder profanen Nützlichkeitsüberlegung bewusst entzieht. Er imitiert en miniature natürliche Begebenheiten wie Flüsse, Hügel, Schluchten, Teiche, Grotten, Inseln und Felsen, integriert die künstlich geschaffenen Elemente zu einem harmonischen Ganzen und inszeniert im überschaubaren Mikrokosmos die Ordnung der Welt.

          Sozialhistorisch gesehen ist der chinesische Garten keineswegs nur eine Erfindung der mächtigen Kaiser, denen seit dem Altertum prächtige Parks zur monarchischen Repräsentation dienten; spätestens seit dem ausgehenden zehnten Jahrhundert erfasste die Begeisterung für Gärten die gebildeten Beamten, die gemäß den Vorgaben des Konfuzius loyal dem Kaiser folgten und über Macht, Geld und Ansehen verfügten.

          Ein Ort elitärer Muße

          Politische Wechselfälle und herrschaftliche Launen bedrohten allerdings die Karriere zahlloser Staatsdiener, über deren Anstellung in der kaiserlichen Verwaltung eine Reihe schwieriger Examina entschied. Während der Ming-Dynastie (1368–1644) endete eine öffentliche Laufbahn oft nach weniger als acht Jahren. Die erfolgreichen Beamten zogen es daher vor, schon in jungen Jahren zu demissionieren, um zu schreiben und zu unterrichten, um eine chronische Krankheit zu pflegen oder aber um einen Garten zu kultivieren.

          Der Chinesische Garten im Botanischen Garten in Bochum Bilderstrecke

          Der erste uns bekannte Frühpensionär lebte indes bereits im vierten Jahrhundert nach Christus: Der Dichter Tao Yuanming, auch „Meister von den fünf Weiden“ genannt, legte angesichts der allgegenwärtigen Korruption sein Hofamt nieder und zog sich in sein Landhaus zurück, um in Gedichten die Schönheit seiner Chrysanthemen zu besingen. Unzählige Würdenträger folgten später seinem Beispiel. Manche wählten einen bescheidenen Zufluchtsort, andere errichteten sich riesige Villen.

          Im Laufe der Jahrhunderte bildeten Dichtung, Malerei und Gartenkunst eine untrennbare Einheit. Die „wen ren“, die chinesischen „hommes de lettres“, gaben ein Vermögen aus, um in ihren Gärten berühmte Landschaften des Reiches nachzubilden, komplizierte Wasserläufe mit Seen, Kaskaden und Brücken anzulegen, künstliche Hügel aufzuschütten und prächtige Pavillons zu errichten, von denen aus man den Garten in der Beleuchtung der verschiedenen Tageszeiten genießen konnte. Hier traf sich der Hausherr mit seinen Freunden, um gemeinsam zu trinken. Ziel dieser Gartenarchitektur war es, einen Ort elitärer Muße zu schaffen, in dem der Besitzer seinen künstlerischen Neigungen frönen und mit Gleichgestellten Gespräche führen konnte.

          Das luxuriöse Ambiente musste sich aber durch zurückhaltende Eleganz auszeichnen, allzu weltliches Gepränge war verpönt. Materieller Besitz allein galt als vulgär, er war für kulturelle Zwecke zu verwenden, für Poesie, für Malerei, für Gartendesign. Undenkbar war es für einen gebildeten und begüterten Chinesen, seinen Garten nur auf äußere Wirkung hin zu gestalten. Wenn sich die Tore des Hauses schlossen, blieb die geschäftige und lärmende Welt draußen. Drinnen musste die Gestaltung des Raumes mit der imaginären Kraft der Poesie und der philosophischen Erkenntnis der Welt verschmelzen. Die Gärten Chinas spiegeln die Ansicht, dass die Menschen sich nicht zuletzt durch Bildung voneinander unterscheiden. Sie stehen für die Einsicht, dass nur der Mensch, der mit sich und dem Kosmos im Reinen ist, gelassen auf die Herausforderungen des Alltags reagieren kann.

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