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Manipulation im chinesischen Fernsehen : Nach der Kulturrevolution war die Luft doch so frisch

Screenshot des Senders CCTV: Deng Xiaoping (Ma Shaohua) vor Spitzendeckchen. Bild: CCTV

Wie Deng Xiaoping den Kapitalismus lieben lernte: In China zeichnet eine neue Soap-Opera alte Parteigeschichte weich. Die Mittel sind bemerkenswert ausgeklügelt.

          4 Min.

          Eine Fernsehserie ist in China nicht einfach eine Fernsehserie, sondern ein Orakel des Staats: Die Zuschauer sind eingeladen, hinter der unverhohlenen Propaganda des Drehbuchs und der Dramaturgie die jüngsten Winkelzüge und Ratschlüsse im innersten, verborgenen Zentrum der Macht zu entschlüsseln. Ein spezielles Timing sorgt dafür, dass dies für die Serie mit dem etwas sperrigen Titel „Deng Xiaoping während eines historischen Wendepunkts“, die gerade auf dem zentralen Kanal CCTV1 läuft, noch mehr gilt als sonst.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Parallel zum Start der Serie hat die „Renmin Ribao“, das Zentralorgan der Partei, zwei Artikel veröffentlicht, in denen die Regierungszeit des aktuell amtierenden Parteichefs Xi Jinping mit der von Deng verglichen wird: Xi identifiziere sich mit dem Reformwerk Dengs und wolle es mit seinem Kampf gegen Korruption und Bürokratie fortsetzen.

          An einem Abend brachte der Sender um acht Uhr, zur gewohnten Sendezeit der Serie, an ihrer Stelle einen Beitrag über die Lateinamerika-Reise Xi Jinpings; die zwei täglichen Folgen Deng schlossen sich dann eine Stunde zeitversetzt an. So können auch Programmänderungen der gewünschten Einflussnahme dienen: Die beiden Zeiten und Gestalten gingen im politisch-familiären Kontinuum dieser die Genregrenzen überschreitenden Soapopera fließend ineinander über.

          Gutherzige Parteifunktionäre

          Die 48 Folgen der Serie behandeln die Zeit zwischen Oktober 1976 und 1984, als die Kommunistische Partei nach der Kulturrevolution ihre Identität änderte und sich dem Kapitalismus zuwandte. Man sieht die Männer des Politbüros im Sun-Yat-sen-Anzug oder im weißen Hemd auf grauen, mit weißen Häkelarbeiten geschmückten Sofas sitzen und einander in sehr ernsten Gesprächen tief in die Augen gucken, während fast durchgängig ein Soundtrack von dramatisch an- und abschwellender Streichermusik keinen Zweifel an der historischen Bedeutung lässt.

          Normalerweise treten kommunistische Spitzenfunktionäre im chinesischen Fernsehen nur bei Geschichten vom Langen Marsch oder aus dem Bürgerkrieg als Serienhelden in Erscheinung, wo ihre Tugenden effektvoll mit der Verschlagenheit der gegnerischen Kuomintang-Funktionäre kontrastieren können. Der Kommunismus an der Macht eignet sich nicht mehr so gut für die Art moralische Erzählung, auf die es der Propaganda ankommt.

          Insofern ist die Deng-Serie ein Novum. Aber siehe da, diese mächtigen Leute an der Spitze der Volksrepublik sind alle noch so unschuldig wie die Revolutionäre in ihren Höhlen, wie man sie aus den früheren Serien kennt: Auch sie kleiden sich einfach, aber sauber, reden bescheiden und überlegt, haben einen klaren Blick, sind gutherzig und, wenn’s drauf ankommt, aufrecht. Im propagandistischen Kalkül hat die durchgehend angenehme Gesprächsatmosphäre eine wichtige Funktion. Sie mildert die Richtungskämpfe etwa zwischen Deng und Staatspräsident Hua Guofeng („Man soll am Klassenkampf festhalten“) ab, lässt sie als Streitigkeiten innerhalb einer die gesamte Nation wohltätig umfassenden Familie erscheinen.

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