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Chinesische Architektur in Mannheim : Schuppen, die am Himmel kratzen

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Die Endlosschleife, die sich in die Zukunft frisst: das Phoenix International Media Center in Peking Bild: Shao Weiping

China baut wie rasend seine Städte um. Lebensräume werden verdichtet oder zerstört, Traditionen zerrissen. Eine Mannheimer Ausstellung zeigt, warum man auf die Bremse treten sollte.

          Der chinesische Architekturmarkt ist der dynamischste der Welt. Unzählige „Super Tall Towers“ von mehr als dreihundert Meter Höhe sind derzeit im Bau, ein Ende dieses Booms ist nicht abzusehen. Während früher ausschließlich die riesigen staatlichen Designkombinate tonangebend waren, dominieren heute unabhängige chinesische Büros und internationale Architekturprominenz das Baugeschehen - sie arbeiten am Glitzerbild des neuen chinesischen Zeitalters.

          Das Reiss-Engelhorn-Museum zeigt in fesselnden Fotografien und Modellen die schöne neue Welt des chinesischen Turbokapitalismus: einhundert zeitgenössische Architekturprojekte, visionär und bisweilen beängstigend. Der Künstler Fang Zhenning, der auch den chinesischen Pavillon bei der diesjährigen Architektur-Biennale in Venedig inszenierte, hat die Schau kuratiert. Wichtig war ihm, ein möglichst „repräsentatives Bild der zeitgenössischen chinesischen Architektur“ zu zeigen.

          Entstanden ist ein Fest für die Sinne mit den Stars der internationalen Architekturszene wie Zaha Hadid, Herzog&de Meuron, GMP und Rem Koolhaas sowie den chinesischen Global Players MAD Architects oder Shao Weiping. Auch eine Reihe jüngerer chinesischer Büros, die ein Bauen zwischen Tradition und Innovation anstreben, ist vertreten und natürlich der frischgebackene Pritzker-Preisträger Wang Shu. Wunderschöne Bilder: Das mächtige „Vogelnest“ des Pekinger Olympiastadions (Herzog&de Meuron), die majestätisch ragenden Muschelschalen des neuen Opernhauses in Zhuhai (Zhu Xiaodi), die futuristische Endlosschleife des Pekinger Mediencenters Phoenix oder der für 2016 geplante Wolkenkratzer „China Zun“, der mit 528 Metern alles im Central Business District überragen wird.

          In einem rasenden Kreislauf

          Deutlich wird, dass das aktuelle Baugeschehen Chinas von vielen Brüchen gekennzeichnet ist. Der westliche Architekturimport dauert an, und nirgends werden Stile und Trends so schnell aufgegriffen und verwertet wie von chinesischen Architekten. Immer noch blüht in China die Praxis der „dekorierten Schuppen“ mit beliebig austauschbaren Fassaden, und es gibt vielfältigste Verschnitte der internationalen Moderne. Bei den computergenerierten organischen Formen scheinen dem assoziativen Spielraum keine Grenzen gesetzt; bestes Beispiel dafür ist das amöbenförmige Ausstellungszentrum in Hainan ( Li Xinggang, 2011).

          Immer wieder wird in Mannheim deutlich, dass sich Chinas Metropolen ohne jede Rücksicht auf urbane Zusammenhänge unaufhörlich verdichten. Unmittelbar neben riesigen Wohnblocks rauscht der Verkehr auf mehrgeschossigen Autobahnen vorbei, werden Malls aus dem Boden gestampft und nebenan schon wieder abgerissen. In einem rasenden Kreislauf wächst und vergeht Architektur. Damit schwinden auch die wenigen Rudimente traditioneller Stadtbaukunst. So zum Beispiel sind die historischen Hutongs - die einstöckigen, durch Gässchen erschlossenen Wohnquartiere - nahezu vollständig zerstört.

          Schade ist, dass die Ausstellung die Ergebnisse dieses gravierenden Wachstums zwar in reizvollen Bildern zeigt, aber über dessen Schattenseiten schweigt. Zeitgenössisches Bauen bedeutet eben nicht nur faszinierende Bauwerke, sondern auch die Menschen, die mit der neuen Architektur leben und durch rigorosen Stadtumbau oft den Totalverlust ihres angestammten Lebensraums erleiden müssen. In diesen Zusammenhang hätten die Bilder der „Nail Houses“ gepasst - diese kleinen Bruchbuden sind Zeichen eines hilflosen Protestes, mit denen die Bewohner den ringsum wuchernden Shopping Malls und Hochhäusern trotzen.

          Die Ausstellung dokumentiert allerdings auch, dass die schwerwiegenden Verluste bei wichtigen chinesischen Architekten zu einem Bewusstseinswandel geführt haben. Er betrifft das baukünstlerische Selbstverständnis ebenso wie den Bruch mit der chinesischen Praxis, Architektur als reines Konsumprodukt zu bewerten. Nicht das Spektakuläre steht nun im Mittelpunkt, sondern die Suche nach Authentizität. Das fordert von den Architekten die Auseinandersetzung mit den spezifischen Gegebenheiten des Ortes, des Klimas und der Topographie. Deutlich wird diese Neuorientierung bei Architekten wie Wang Lu, Liu Jiakun oder bei URBANUS, die mit ihren städtischen Rundhäusern an die überlieferte Wohnform des chinesischen „Tulou“ anknüpfen.

          Recycelte Backsteine

          Eine herausragende Rolle kommt dabei dem Pritzker-Preisträger Wang Shu (Jahrgang 1963) zu, der durch nachhaltige Konzepte und die Neuinterpretation traditioneller Bauweisen überzeugt. Seine Bauten - das archaisierende Geschichtsmuseum in Ningbo und die Kunstakademie in Hangzhou (beide südlich von Schanghai) - lösen sich vom übermächtigen internationalen Vorbild. Der chinesische Blick Shus entdeckt die Langsamkeit: Er fordert und praktiziert ein Bauen mit den Wurzeln der Vergangenheit. So entsteht seine Architektur aus den Materialien der Region, ist bezogen auf die Strukturen der Landschaft und die überlieferten Stadtbaugrundrisse.

          Bestes Beispiel dafür ist der neue Campus der Kunstakademie Hangzhou. Dort überträgt Shu die Komplexität und Poesie chinesischer Gärten auf den Großmaßstab einer Landidylle. Die Baumaterialien sind recycelt - in Reaktion auf die umfassenden Zerstörungen, die in China an der Tagesordnung sind, wurden mehr als sieben Millionen Backsteine und Dachziegel von Abbruchstätten der Provinz Zhejiang geborgen und wiederverwertet. Diese gebauten Bilder der Erinnerung figurieren den neuen chinesischer Weg.

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