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Chinas Werte : Kultur ist bloß ein Taschenspielertrick

  • -Aktualisiert am

Hollywood-Riesen in Hongkong: die „Transformers“ machen ganz selbstverständlich in China Station Bild: ILM / Paramount Pictures

Zeugt der jüngste „Transformers“-Film vom endgültigen Triumph der chinesischen Kultur? Oder ist das kulturelle Selbstbewusstsein des Landes in Wirklichkeit doch gar nicht so groß?

          5 Min.

          Nie zuvor ist China so sehr in die Populärkultur des Westens eingedrungen. Der Hollywood-Film „Transformers - Ära des Untergangs“ setzt nicht nur spektakuläre chinesische Schauplätze wie das Pekinger Olympiastadion in Szene, er bringt nicht nur chinesische Stars wie Li Bingbing in der Rolle einer ebenso mächtigen wie attraktiven leitenden Angestellten zur Geltung. Er lässt auch die übrigen Figuren ganz selbstverständlich Kreditkarten der China Construction Bank benutzen oder die gute Yili-Shuhua-Milch trinken. China wird hier nicht wie in manchen früheren amerikanischen Filmen als politisch-militärische Gefahr oder exotisches Gefilde betrachtet, sondern als selbstverständlicher Teil unserer Gegenwart.Ist das nun ein Triumph der chinesischen Kultur, ihrer Werte, also der sogenannten „Soft Power“, wie ihn sich die Kommunistische Partei des Landes seit Jahren erhofft?

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ja und nein. Ja, insofern auch die „Soft Power“ von der Macht der Ökonomie abhängt. Den Gravitationsfeldern des Geldes folgen nicht nur Filmproduzenten, für die der große chinesische Markt immer wichtiger wird, sondern potentiell auch ganze Gesellschaften, die sich von dem Beistand und der Strahlkraft des Stärkeren ein besseres Leben erhoffen. Insofern wird Chinas Einfluss auf die Weltkultur fraglos größer.

          Nein jedoch, insofern „Soft Power“ mit der Verführungskraft von Ideen, Ästhetik und Phantasie zu tun hat. In dieser Hinsicht ist der neue „Transformers“- Film eher ein weiterer Beweis der amerikanischen „Soft Power“, die in China nachgefragt wird wie eh und je. Chinas ökonomisch-politische Macht erweist sich lediglich darin, dass sie an dieser kulturellen Macht mit ihren eigenen Gesichtern, Geschichten und Geldmitteln Anteil bekommt. Sie verschafft sich immer mehr Geltung innerhalb eines Rahmens, den andere ihr vorgegeben haben.

          Immer mehr Geld für Konfuzius

          Es gibt ein Stereotyp der regierungsamtlichen Selbstwahrnehmung, das von weiten Teilen der übrigen Welt fraglos übernommen wird. Diesem Stereotyp zufolge ist das kulturelle Selbstbewusstsein des neuen Chinas in den letzten Jahrzehnten extrem gewachsen und so stark wie nie zuvor. Doch stimmt das überhaupt? Richtig ist, dass die sogenannte Kulturindustrie des Landes einen ungeheuren Aufschwung genommen hat, dass Peking zahllose offizielle Projekte des internationalen Kulturdialogs ins Werk setzt und dass es auch immer mehr Geld dafür ausgibt, in Einrichtungen wie den Konfuzius-Instituten chinesische Kultur in der ganzen Welt zu präsentieren.

          Alle offiziellen Verlautbarungen versäumen nicht, an die „fünftausend Jahre Kultur“ zu erinnern, an die China nach einer Phase der Demütigung wieder Anschluss gefunden habe. Diese behauptete Stärke wird gern in die Zukunft projiziert. Während die westlichen Länder immer noch an ihren alten Defekten herumlaborierten, bemerkte kürzlich Wang Genghua, ein Konfuzianismus-Experte der Pekinger Normal University, habe China aller Schwäche Lebewohl gesagt: „Es steht fest, dass China einen Weg für die Zivilisation der Menschheit herausfinden wird.“

          Doch all diese Stellungnahmen betreffen nur eine „Kultur“ innerhalb eines abgeschirmten Sonderbereichs, in dem sich risikolos schwadronieren lässt. Sobald sich China zu einer Frage äußert, bei der die Kulturen und Ideen der Welt real und ernsthaft aufeinanderstoßen, ist es von einem tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplex durchdrungen. In einem Grundsatzpapier des Zentralkomitees hatte es vergangenes Jahr geheißen: „Das Ziel bei der Verbreitung sogenannter universeller Werte ist, zu behaupten, dass das Wertesystem des Westens Zeit und Raum, Nation und Klasse überschreite und auf die gesamte Menschheit anwendbar sei“, um auf diese Weise „den essentiellen Unterschied zwischen dem westlichen Wertesystem und dem Wertesystem, das wir vertreten, zu verdunkeln“. Doch sowohl diese Verordnung als auch alle übrigen Verlautbarungen versäumen es, zu erklären, worin denn nun das chinesische Wertesystem in Abgrenzung zum westlichen besteht.

          Was den Unterschied des politischen Systems in China gegenüber dem westlichen ausmacht, ist klar. Aber auf welche spezifisch chinesischen Werte oder kulturellen Eigenheiten sich dieses System berufen kann, ist überhaupt nicht klar. Die Leerstelle wird mit Repression gefüllt.

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