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Chinas tanzende Omas : Hundert Millionen kann man nicht vertreiben

  • -Aktualisiert am

Guerrilleros in genialer Tarnung: Auch in Peking beanspruchen tanzende Massen die Straße für sich. Bild: Bu xiangdong - Imaginechina/laif

In China versammeln sich immer wieder reifere Frauen, um draußen zu tanzen. Das stört die neue Mittelschicht. Ein schmutziger Kampf um den öffentlichen Raum entbrennt.

          3 Min.

          Die chinesische Mittelschicht sieht sich zunehmend von einer Guerrilla bedroht, die den öffentlichen Raum der Metropolen unterwandert und damit ihre eigenen Privilegien bedroht. Infamerweise gibt das Äußere der Truppe ihre Gefährlichkeit kaum zu erkennen: Es sind überwiegend Frauen zwischen fünfzig und siebzig in der generationentypischen Kluft aus paillettenbesetzten Blusen und fleischfarbenen Söckchen.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Im Schutz der anbrechenden Dämmerung besetzen sie Parks und Plätze, oft auch vor Einkaufszentren, und beschallen sie mit einer seit mindestens zwanzig Jahren aus der Mode gekommener Popmusik, zu der sie in unfassbar synchronen Bewegungen tanzen. Auf hundert Millionen wird ihre Zahl im gesamten Land geschätzt, doch wer kennt schon die Dunkelziffer.

          Ein Generationenkonflikt

          Viele Jahre lang gehörte das Bild dieser „tanzenden Omas“, wie die gebräuchliche Gattungsbezeichnung lautet, zur üblichen, eher freundlich tolerierten Folklore der chinesischen Städte. Doch damit ist es jetzt vorbei. In Wuhan und Changsha wurden die betagten Tänzerinnen aus höheren Stockwerken mit Kotbeuteln beworfen, in Chengdu mit Wasserbomben. Anwohner und Passanten fühlen sich durch den Lärm und die Störung des Verkehrsflusses belästigt. In Peking feuerte ein Mann mit einem Gewehr in die Luft und ließ drei große Hunde auf die Frauen los.

          Man sollte meinen, die Nachricht seien nun diese Gewaltakte gegen ältere Mitbürgerinnen. Doch stattdessen haben chinesische Blogger und Medien eine Debatte über die Omas und über die Gründe losgetreten, die sie massenhaft auf die Plätze treiben. Weshalb, fragt etwa ein Kommentar in einer Parteizeitung, zahlen sie nicht, wie es sich gehört, für die Benutzung einer Bowlingbahn oder einer Karaoke-Bar? Die Antwort: weil sie generationenbedingt nicht gewohnt seien, für Unterhaltungsdienstleistungen Geld auszugeben.

          Unverständnis und Mitleid

          Andere Blätter erläutern mit umständlicher Psychologie den Umstand, dass die Frauen ihrer Einsamkeit entkommen und andere Frauen treffen wollten. Bei einer Umfrage in Schanghai äußerte eine Mehrheit Verständnis dafür, dass sich die Frauen durch gemeinsame Übungen fit halten möchten.

          Der Stadtplaner Yang Hongshan von der Renmin-Universität sagte der Tageszeitung „China Youth Daily“, die Leute hätten gar keine andere Wahl, als draußen auf die Plätze zu gehen, da die Regierung nicht genug Innenräume für öffentliche Aktivitäten zur Verfügung gestellt habe. Ein Stadtsoziologe erinnert an die Arbeitseinheiten, die die Menschen früher mit Innenräumen versorgten, aber die seien in den marktwirtschaftlichen Zeiten ja verschwunden.

          Ehemals Touristenattraktion, haben Chinas tanzende Rentner neuerdings mit Anfeindungen von Seiten der ansässigen Bewohner zu kämpfen.
          Ehemals Touristenattraktion, haben Chinas tanzende Rentner neuerdings mit Anfeindungen von Seiten der ansässigen Bewohner zu kämpfen. : Bild: picture alliance / dpa

          Allen diesen Einlassungen gemeinsam ist, dass sie den Wunsch, den öffentlichen Raum zu besetzen, als ungebührliches, völlig aus der modernen Zeit gefallenes Begehren betrachten, das es durch geeignete Maßnahmen zu therapieren gilt. Dass ein von allen geteilter Ort der Vielfalt erstrebenswert sein könnte, kommt in diesen Wortmeldungen gar nicht vor. Tatsächlich gibt es in einer Stadt wie Peking fast nur eindeutig definierte und durch Mauern abgeschirmte private, kommerzielle und staatliche Räume. Die Zwischenräume dienen nur dem Durchhasten oder der Propaganda, ob politischer oder gewerblicher.

          Vitale Tanzlust ohne Hintergedanken

          So gibt es in Parks oder in den Zonen am Rand von Einkaufszentren zwar bisweilen Musik-, Tanz-, Theater- oder Filmvorführungen, doch für gewöhnlich haben die einen staatlichen oder kommerziellen Zweck. Da treffen sich die Kontrollbedürfnisse des Staats mit den Ruhebedürfnissen der immer selbstbewusster werdenden Mittelklasse, die in ihren hart erarbeiteten Boxen (Wohnung, Auto, Luxus-Shopping) so weit wie möglich von den Zumutungen des Allgemeinen verschont bleiben will.

          Von der „Störung der familiären Harmonie“ bis zur Behinderung der Schüler bei der Vorbereitung ihrer Hochschulaufnahmeprüfungen reichen nun die Klagen über die unautorisierte Belästigung. Experten sprechen von einem wachsenden Bewusstsein der Mittelschicht für ihre Rechte und ihren privaten Raum.

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          In diese fortschreitende Segmentierung und Vereinzelung brechen die tanzenden Omas ein, indem sie einen von allen geteilten Raum mit nichts anderem als ihrer vitalen Tanzlust füllen. Gerade der Umstand, dass man ihnen keine prinzipiellen oder gar politischen Absichten unterstellen kann, übt innerhalb des hochgradig kodierten Umfelds eine subversive Wirkung aus.

          Moderne auf chinesisch

          Die Lage wird dadurch noch komplexer, dass das Phänomen offenbar die Welt erobert. Im chinesischen Internet machen Fotos die Runde, auf denen man die Tänzerinnen wie einst die Rotgardisten auf Erró-Gemälde plötzlich auch in New York, in Moskau und vor dem Louvre in Paris auftauchen sieht. Viele Blogger winden sich vor Scham, doch der ausländische Blick ist ein ganz anderer. Die Bürgermeisterin von Sydney, die die Frauen in Guangzhou tanzen sah, plädierte dafür, sie nach Australien zu importieren, um dort die städtischen Nachbarschaften zu stärken.

          Davon hält die Pekinger Shopping Mall „Joy City“ nicht so viel. Als sich Anwohner kürzlich einen offenen Showdown mit einer Hundertschaft von Tänzerinnen lieferte, versuchte das Sicherheitspersonal mit Megaphonen und Sirenen deren Ghettoblaster zu übertönen, aber die Frauen blieben standhaft, keine von ihnen verließ den Platz. Am Ende sah sich das Management gezwungen, ihnen sogar eine größere Fläche zur Verfügung zu stellen, unter der Bedingung, dass sie die Lautstärke drosselten.

          Ein anderes Modell erprobten die Einwohner der Stadt Guiyang in der Provinz Guizhou. Sie stellten den Tänzerinnen transportable Abspielgeräte und Kopfhörer zur Verfügung. Ist das der Kompromiss, der die chinesische Art von Moderne mit dem öffentlichen Raum versöhnen soll: physische Anwesenheit, aber ohne einen einzigen Laut?

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