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Chinas Öffentlichkeit : Kuschen kommt aus der Mode

  • -Aktualisiert am

Welche Perspektive soll der Westen gegenüber China einnehmen? Fassadenputz in Peking Bild: AP

China ist ein Land, in dem die Menschen heute mutig große Risiken eingehen. Lösungen werden individuell gesucht, nur im Notfall wendet man sich noch an den Staat. Die ewig furchtsam auf das China blickenden westlichen Beobachter sollten sich daran ein Beispiel nehmen.

          Der amerikanische Schriftsteller und Peking-Korrespondent des „New Yorkers“, Peter Hessler, hatte den chinesischen Führerschein erworben und fuhr in einem „City Special“ genannten Wagen über Land. An einer verlorenen Kreuzung in der Provinz Gansu hielt ihn ein Polizist an: „,Schaut euch das an!‘, rief er grinsend den anderen Beamten zu. ,Dieser Kerl ist Ausländer!‘“ Dann wollten sie neben dem chinesischen auch seinen amerikanischen Führerschein sehen – allgemeine Aufregung. „,Warum sind sie hier?‘, wollte ein Beamter wissen. ,Ich fahre einfach herum. Tourismus.‘ – ,Wie haben sie Chinesisch gelernt?‘ – ,Ich lebe hier seit Jahren.‘ – ,Sie müssen ein Spion sein‘, sagte er.

          Die anderen griffen lachend den Refrain auf: ,Er ist ein Spion! Er fährt herum, er kann Chinesisch – Er muss ein Spion sein! Ein Spion! Ein Spion!‘ Der Polizist schüttelte sich vor Lachen und gab mir beide Führerscheine zurück. Ich brauchte eine Weile, um meine Sprache wiederzufinden. Ich fuhr los und konnte im Rückspiegel beobachten, wie die drei sich gegenseitig Klapse versetzten. Sie knufften sich und riefen lachend: Ein Spion! Ein Spion!“

          Unerhörte Bewegung

          China ist unberechenbar. Das macht Peter Hessler großartiges Reisebuch, einfach „Über Land“ (Berlin Verlag) betitelt, klar. Und nun versteht man, warum die offiziellen Repräsentanten des Regimes so empfindlich auf öffentliche Begegnungen mit ihren Kritikern – wie jüngst im Vorfeld der Buchmesse – reagieren: Das riesige und wundersame Land ist von einer gesellschaftlichen Dynamik erfasst, die kaum noch von Oben zu steuern ist. Es finden dort Umwälzungen statt, die denen der industriellen Revolution im Europa der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gleichen: Neue Städte entstehen, Regionen entvölkern sich, anderswo finden sich zu Zehntausenden die Wanderarbeiter ein. Die Söhne und Töchter von Bauern fertigen Plastikrutschen, gründen Fabriken für Büstenhalterverschlüsse oder decken den Feuerzeugbedarf der ganzen Welt. Kaum jemand lebt noch so wie seine Eltern und Großeltern, auch auf dem Lande nicht. Dieses Tempo ist uns fremd – aber auch den regierenden Eliten, jenen paar Familien, deren seltsames, von der Realität abgekapseltes Miteinander die postumen Memoiren des einstigen Parteichefs Zhao Zyiang so eindringlich beleuchten.

          In einer vergleichbaren Umbruchssituation entstanden in Europa der Liberalismus, die Sozialdemokratie und der Kommunismus, damals unerhörte Bewegungen. Kein Wunder, dass die Parteikader leicht nervös sind. Also erhöhen sie, um die Fliehkräfte zu bannen, das Tempo: Formel Eins, Transrapid, Olympia, höchstes Gebäude der Welt, Raumfahrt – jedes Jahr, jeder Monat und jede Woche muss ein neuer Hammer niederkommen, um die hochbewegliche, labile Bevölkerung im Bann zu halten; Nationalstolz muss beschworen werden, damit die Provinzen nicht aufeinander losgehen. Der Staat muss schauen, dass er überhaupt eine Rolle im Leben der Menschen spielt, die sich angewöhnt haben, spontane und individuelle Lösungen zu suchen; sie nutzen dazu, so Hessler, die Geschäftswelt und private Schulen statt der unterdrückten bürgerlichen Öffentlichkeit. Peter Hessler resümiert: „Man wendet sich nur in absoluten Notlagen an den Staat.“ Die Diplomatie, gerade auch der auswärtige Kulturaustausch, ist eine unumstrittene Domäne der Partei. Aber ist sie wirklich relevant? Wer als Deutscher so handelt, dass die im Land nur noch belächelten Funktionäre sich wohl fühlen, wirkt der dann bei den jungen, unkonventionell denkenden Chinesen seriös? Oder als einer, der nicht begreift, was läuft?

          Verschleiernder Kulturrelativismus

          China ist zu wichtig, um es den Experten zu überlassen. Das Argument des exotischen Relativismus – im Orient gehen die Uhren anders – wirkt in der globalisierten Welt verdächtig verschleiernd: Warum sollen es gewöhnliche Chinesen besser finden, von der Polizei verprügelt zu werden als wir? Aber es gilt auch, das lehrt die Anekdote von Peter Hessler: Nicht jeder chinesische Polizist tickt gleich. So ist es ja auch hier.

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