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Chinas Mittelschicht : Niemand ist immun

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Bislang gab es dafür kaum eindeutige Anzeichen. Für die prekäre Situation von Wanderarbeitern zum Beispiel, die in den Städten, in denen sie sich verdingen, kein vollgültiges Aufenthaltsrecht haben, hat sich die Mittelschicht bislang kaum interessiert. Die großen Skandale der letzten Monate erschöpften sich in der Entrüstung über politisch grundierte Vetternwirtschaft, gelangten aber nicht zu weitergehenden Lösungsansätzen. Als in Xi'an der Musikstudent Yao Jiaxin eine fast gleichaltrige Frau aus kleinen Verhältnissen anfuhr und dann aus Angst vor Entdeckung erstach, hatte die landesweite Öffentlichkeit wochenlang nichts Dringlicheres zu tun, als die Todesstrafe für ihn zu fordern; da der Vater des Studenten beim Militär arbeitete, nahm man sofort - und voreilig, wie sich später herausstellte - höchste Verbindungen des politisch-militärischen Komplexes an, die den Mörder schützen würden.

Systematisch veruntreut

Tatsächlich wurde der junge Mann exekutiert, und man sprach allseits von einem „Sieg der öffentlichen Meinung“; die Todesstrafe selbst als Ausdruck eines Teufelskreises der Gewalt stellte kaum einer in Frage. Eine der wenigen kritischen Stimmen war die des Bloggers „Civilized-Cyber-Cafe“: „Tötet Yao! So dass wir unseren Ärger in unserem Leben und gegenüber dem Staat lindern können, tötet Yao! Wir kümmern uns nicht darum, ob das unserem Land hilft, alles was wir wollen, ist, Yao zu töten. Tötet Yao! Wir kümmern uns nicht darum, ob das unser Rechtssystem verbessern kann, alles, was wir wollen, ist, Yao zu töten!“

Etwas später machte „Guo Meimei Baby“ von sich reden, die wie so viele andere im Internet mit ihrem aufwendigen Lebensstil zwischen orangem Lamborghini und weißem Maserati protzte. Was die Wellen hochschlagen ließ, war jedoch der Umstand, dass sie sich zugleich als eine Geschäftsführerin beim Chinesischen Roten Kreuz, einer Regierungsorganisation, vorstellte. Bis heute konnte nicht vollständig geklärt werden, was sie wirklich ist, manche wollten sie später als Mätresse eines Rotkreuz-Angestellten entlarvt haben, jedenfalls gab der über Wochen hin das Internet beherrschende Fall dem ohnehin weitverbreiteten Verdacht, Spenden würden in China systematisch veruntreut, neue Nahrung.

Offensichtlich ist die Mittelschicht heute desillusionierter denn je, nicht nur über die Regierung, sondern auch über ihre eigene Rolle. Der populäre Blogger Ran Yunfei, der kürzlich nach mehrmonatiger Haft entlassen wurde, konstatierte in einem Eintrag „das Vorherrschen von Zynismus und vulgärem Pragmatismus. China ist eine Gesellschaft, deren Angehörige sich böse Dinge antun.“ Es sieht so aus, als stünde die chinesische Mittelschicht heute auf der Kippe. Es ist offen, ob sie sich zu einer Zivilgesellschaft weiterentwickelt, deren Bürger sich als Teil eines Gemeinwesens verstehen, oder ob sie sich weiter einkapselt und ins reine Ressentiment abgleitet - mit fatalen Folgen nicht nur für China.

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