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Chinas Mittelschicht : Niemand ist immun

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Darin spiegelt sich die in sich widersprüchliche Ausgangslage, dass als Schutzherr des selbstverständlichsten und natürlichsten aller Bedürfnisse, ein eigenes Leben zu leben nämlich, in China ausgerechnet die Partei auftritt, gegen deren Anmaßungen sich dieses Leben schützen will. Manche treiben das Paradox dadurch auf die Spitze, dass sie bei ihrem Verlangen nach Privatheit direkt den Beistand des Kollektivs suchen. Auch wenn große Teile der Wirtschaft privatisiert wurden, sind die besten Investitionsmöglichkeiten, Geschäftsbeziehungen und Jobs doch kaum ohne das Netzwerk der Partei zu bekommen, das eben nicht nur einen politischen, sondern auch einen kommerziell-gesellschaftlichen Komplex darstellt. Die Partei rekrutiert ihren Nachwuchs heute vor allem aus Studenten, die sich vor dem Eintritt ins Berufsleben bei ihr bewerben; sie nimmt selbstverständlich nur die Begabtesten. Faktisch hat sich die Vorhut der Arbeiterklasse zu einer Avantgarde der Mittelschicht entwickelt.

Kritik und Verbitterung

Nun aber scheint sich diese Klasse ihres Lebens- und Karrieremodells unsicher zu werden. Immer vernehmlicher und in immer kürzeren Abständen gibt sie ihren Unmut über Missstände kund, die eines gemeinsam haben: Sie entlarven die Geschütztheit des abgeschotteten Eigenraums, den sich diese Schicht mit so viel Arbeit, Fleiß und Geld errichtet hat, als Illusion. „Wenn ein Land so korrupt ist, dass ein einziger Blitzschlag Züge zusammenstoßen lassen kann“, schrieb ein Mikroblogger im Juli nach dem Zugdesaster von Wenzhou, „wenn ein Lastwagen genügt, um eine Brücke zum Einsturz zu bringen, und schon die Einnahme von ein paar Tüten Milchpulver zu Nierensteinen führt, bleibt niemand von uns verschont.“

Vor allem der Zusammenstoß von Wenzhou führte zu einer öffentlichen Infragestellung staatlicher Institutionen, wie sie China bislang noch nicht erlebt hat. Zum Hauptstein des Anstoßes wurden die ausweichenden und widersprüchlichen Reaktionen des Eisenbahnministeriums - Vertuschungsversuche, die jeder Chinese seit seiner Schulzeit kennt.

Kritik und Verbitterung tobten sich nicht nur beim Mikrobloggerdienst Sina Weibo aus, sondern trotz der Mahnungen der Propagandaabteilung der Partei auch bei staatlichen Medien und sogar der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua. „Die Menschen der Mittelschicht“, so schreibt der unabhängige Publizist Chang Ping, „sind zu der Feststellung erwacht, dass sie am Ende nicht immun sind: Es gibt keinen Ort, wohin sie flüchten können; Geld vermag viel, aber es kann kein sicheres Leben auf dem Festland garantieren.“

Es gibt keinen Ort, wohin sie flüchten können

Vor diesem Hintergrund werden viele der vertrauten Rahmenbedingungen brüchig. Das „Stabilitäts“-Versprechen der Regierung bekommt eine bedrohliche Ambivalenz: Es verheißt nicht nur den Schutz der Sicherheit, um derentwillen die Mittelschicht die Regierung bislang unterstützt hat, es kann auch die Bewahrung eines Status quo der Korruption bedeuten, der die Sicherheit gerade untergräbt. Auch das Internet spielt als Katalysator eine bezeichnende Doppelrolle. Auf der einen Seite ist die Virtualisierung ein Teil des Mittelschichtenversuchs, sich in Sonderwelten zu separieren. Auf der anderen Seite kann sie sonst unzugängliche Informationen darüber liefern, wie das Ganze, in dem man sich bewegt, funktioniert. Werden Vorfälle wie in Wenzhou oder in Dalian also dazu beitragen, dass die Mittelschicht künftig über ihren eigenen Tellerrand hinausschaut, zu strukturellen Fragen vorstößt und sich politisiert?

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