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Chinas Mittelschicht : Niemand ist immun

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Das Signal, das die Partei durch das Massaker und die kurz darauf folgende Marktradikalisierung aussendete, war: Solche Versuche, mit der Partei auf deren eigenem Feld konkurrieren zu wollen, sind zum Scheitern verurteilt. Stattdessen offerierte sie eine bei Kommunistischen Parteien bislang nicht gesehene alternative Möglichkeit, ihrer Willkür zu entkommen: sich mit ihrer Hilfe einen privaten Raum zu schaffen, in dem man sich vor ihren Zumutungen sicher fühlen kann.

Dieses paradoxe Angebot, welches das System bewahrt, ohne die für eine Wirtschaftsentwicklung notwendige Dynamik zu ersticken, kann als das eigentliche Gründungsabkommen der chinesischen Mittelschicht bezeichnet werden. Der größte Einfluss, den diese Schicht auf die Gesellschaft nimmt, besteht in der fortlaufenden Erzeugung segmentierter, gegeneinander abgeschotteter Räume, in denen sie ein eigenes Leben jenseits der Begrenzungen des politischen Systems leben zu können hofft. Die idealtypischen Vertreter dieser Schicht wohnen in Eigentumswohnungen, die sich in einer durch Mauern und Wachpersonal gegen die Welt draußen geschützten Siedlung befinden. Sie fahren in Wagen häufig deutscher Provenienz, deren abgedunkelte Scheiben gegen Blicke von außen gesichert sind, überproportional häufig sind auch schwere höhergelegte Jeeps, die sich wie Kampfmaschinen durch die Stadt bewegen.

Die Kämpfe der Mittelschicht

Die Repräsentanten dieser Schicht simulieren die Geselligkeit einer Stadt in wiederum gut bewachten Einkaufszentren mit Plätzen, Terrassen und Springbrunnen, an denen man flanieren, sich niederlassen und Feste feiern kann, alles unter der verlässlichen Obhut bekannter Markenunternehmen - während die Stadt draußen, die allen gemeinsam ist, als bloßer Transitraum zwischen Arbeits-, Konsum- und Wohnräumen betrachtet wird, als ein Nicht-Ort, den man so rasch wie möglich zu durchqueren und so wenig wie möglich zur Kenntnis zu nehmen sucht. Die einzigen wirklich öffentlichen Räume innerhalb der Stadt sind deshalb die Parks, in denen sich Angehörige potentiell aller Schichten und Generationen treffen, faktisch allerdings überwiegend Kinder und Rentner, Menschen also, die noch nicht oder nicht mehr in die Kämpfe der Mittelschicht einbezogen sind.

Womöglich spielt das Misstrauen gegen alles Öffentliche auch eine Rolle bei der Zurückhaltung, die große Teile der Mittelschicht gegenüber universellen Werten pflegen. In einer durchaus widersprüchlichen Bewegung wird das Zutrauen, das man sonst nur gegenüber den selbstgestalteten eigenen vier Wänden empfindet, auf die Nation übertragen, die den Rahmen des eigenen Fortkommens bereitstellt. So ist es zu erklären, dass selbst manche ehemalige Teilnehmer der Studentendemonstration von 1989 den Begriff „Menschenrechte“ heute als heuchlerische Idiosynkrasie des Westens bezeichnen und sich lieber auf die Stärkung der eigenen Nation gegen die Machenschaften der übrigen Welt verlassen.

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