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Chinas Mittelschicht : Niemand ist immun

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Zur Zeit wird diese Schicht auf dreihundert Millionen Menschen, also dreiundzwanzig Prozent der chinesischen Gesamtbevölkerung geschätzt, aber laut einer McKinsey-Berechnung soll sie bis 2025 auf mehr als sechshundert Millionen anwachsen, etwa vierzig Prozent der Gesamtbevölkerung. Sie ist weniger durch ein bestimmtes Einkommen definiert als durch ihren städtischen, von Eigentumswohnung, Auto und Urlaubsreisen geprägten Lebensstil, den ihr ein gehobener Angestellten- oder Beamtenstatus ermöglicht.

Vorboten einer Demokratisierung?

Über diese Schicht kursieren im Westen zwei gegenläufige Theorien. Der einen zufolge hat das gut und immer besser verdienende China mit dem Regime eine Art faustischen Pakt geschlossen: Es tauscht die Möglichkeit, reich zu werden, gegen sein Stillhalten und Wohlverhalten. Diese Theorie wirkte angesichts eines zunehmend kritischen Geists gerade im Internet schon seit langem zumindest unvollständig. Jetzt aber wird sie durch den Massenprotest von Dalian und den landesweiten Unmut, den kurz zuvor der Zusammenstoß zweier Hochgeschwindigkeitszüge erregt hatte, direkt widerlegt.

Die andere Theorie verspricht sich dagegen von der Mittelschicht den entscheidenden Anstoß zur Demokratisierung des Landes. Ausgehend vom Beispiel Taiwans und Südkoreas geht die Theorie von einer kritischen Masse an Durchschnittseinkommen aus, die sie bei fünftausend bis zehntausend Dollar jährlich ansetzt, von der an das Verlangen nach politischer Partizipation unabweisbar werde. Stimmt das? Kann man die jüngsten Unruhen als Vorboten einer Demokratisierung, einer funktionstüchtigen Zivilgesellschaft in China verstehen?

Oder markieren die Proteste möglicherweise weniger einen Anfang als ein Ende - ein vorläufiges Ende der Hoffnungen, mit denen sich die chinesische Mittelschicht seit dem Aufbau des Kapitalismus in den neunziger Jahren konstituiert hat? Die Geschwindigkeit, mit der die junge Intelligenz nach der blutigen Niederschlagung der Studentenbewegung von 1989 ihre Träume wechselte und sich den ihr von Deng Xiaoping eröffneten Möglichkeiten des Marktes hingab, lässt sich schwer verstehen, wenn man hinter dem einen wie dem anderen Vorgang nicht ein gemeinsames Trauma ausmacht: das der Kulturrevolution, bei der die totale Verfügbarkeit des Einzelnen fürs Kollektiv ihren Höhepunkt erreichte.

Sich vor ihren eigenen Zumutungen schützen

Die Demonstranten von 1989 wollten das Trauma überwinden, indem sie China als Ganzem ein neues, demokratisches Vorzeichen zu geben versuchten. Insofern waren sie tatsächlich Nachfahren sowohl der 4.-Mai-Bewegung von 1919, die China durch Wissenschaft und Demokratie aus seiner nationalen Demütigung herausführen wollte, als auch der Kommunisten, die diesem Modernisierungsverlangen eine leninistische Organisationsform gaben. Es war das bisher letzte Mal, dass in China der Traum eines gesamtgesellschaftlichen Subjekts geträumt wurde.

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