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Kommentar : Ein Bärendienst für Xi Jinping

Zum direkten Vergleich bitte auf das Bild klicken: Xi Jinping ähnelt Pu frappierend. Dieses Bild wurde deshalb vom sozialen Netzwerk Weibo verbannt. Bild: Sina Weibo / Archiv

Wer äfft hier eigentlich wen nach: Pu, der Bär, den Präsidenten oder der Präsident Pu? Nachdem solche Fragen auf dem chinesischen Netzwerk Weibo viral gegangen waren, griff Xi Jinping durch. Dabei kann er sich noch glücklich schätzen.

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          „Hier kommen wir Hand in Hand“, heißt es in der Widmung, die dem Buch voran gestellt ist, „Christopher Robin und ich, um dir dieses Buch auf den Schoß zu legen. Wir lieben dich nämlich.“ Nicht jeder wird soviel zuckersüße Güte zu schätzen wissen, vielleicht wird er gar dem kleinen Bären, der da so putzig angewackelt kommt, das Buch aus den Patschepfötchen schlagen und sich so um das Vergnügen bringen, A. A. Milnes Kinderbuchklassiker „Pu der Bär“ zu lesen. Erschienen 1928, geht es auf Gutenachtgeschichten zurück, die der Autor seinem kleinen Sohn erzählte, und spätestens seit der Zeichentrickadaption der beiden „Pu“-Bücher, die Milne verfasste, ist der Bär mit seinen Freunden nicht nur weltbekannt, er besitzt auch eine emblematische Physiognomie.

          Genau dies scheint ihm nun in China zum Verhängnis zu werden. Medienberichten zufolge wurden Bilder des Bären sowie Hinweise auf seine Person aus sozialen Netzwerken entfernt, nachdem online Fotos des chinesischen Präsidenten Xi Jinping neben Abbildungen gestellt worden waren, die Milnes Bären in verblüffend ähnlicher Pose zeigten, so dass man sich fragen konnte, wer hier wen nachäfft: Pu den Präsidenten? Schwer vorstellbar, der Ehrgeiz des Bären reicht nicht weiter als bis zum nächsten Topf Honig. Der Präsident den Bären? Das wäre auch hierzulande eine riskante Form der Charme-Offensive, schließlich legt es kaum ein Politiker darauf an, mit einem Bären von erklärtermaßen geringem Verstand verwechselt zu werden. Im übrigen scheint es, dass es die Mächtigen dieser Welt ohnehin nicht einfach haben, ihre Wünsche zu artikulieren, wie denn das Volk emotional zu ihnen stehen soll. Unvergessen der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I., der seine Untertanen, wenn sie ängstlich vor ihm zurückwichen, mit dem Stock durchprügelte und dabei schrie: „Lieben sollt ihr mich lieben und nicht fürchten.“ Auf diesem Weg ist Pu natürlich weiter als jeder Herrscher, eben weil er kein Herrscher ist und seinem grundgelassenen Wesen sowieso jede Prügelei widerstrebt.

          Treibt den chinesischen Präsidenten also der blanke Neid auf Pus taoistische Gelassenheit, die ihm die Sympathie seiner Umgebung einträgt? Auf einer der Bilderzusammenstellungen im Netz ist er mit seinem früheren amerikanischen Amtskollegen Obama zu sehen, daneben bewegen sich Pu und sein Freund Tigger in ähnlicher Weise, aber von irgendeiner harschen Reaktion Obamas ist nichts bekannt. Dass es für einen Herrscher schmeichelhafter sei, mit dem ängstlichen Tigger verglichen zu werden als mit Pu, ist schwer vorstellbar. Und auch der Blick in die Türkei sollte Xi Jinping eher dankbar stimmen: Der dortige Herrscher wurde in ähnlicher Weise mit einem Abbild von Tolkiens ekligem Gollum konfrontiert. Dann doch lieber Pu.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

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