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Zensur in China : Das Virus und die Partei

  • -Aktualisiert am

Wie chinesische Internetnutzer ein brisantes Interview über den Ausbruch der Corona-Epidemie mit subversiven Methoden vor der Zensur retten.

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          Aus China werden nach den massiven Maßnahmen der letzten beiden Monate nur noch wenige Neuinfektionen gemeldet. Doch immer wieder holt die anfängliche Vertuschung des Ausbruchs der Seuche in Wuhan die Regierung ein. Besonders hoch schlugen die Wellen jetzt bei Weixin Gongzhonghao, einer Blogger-Plattform, und Sina Weibo, dem chinesischen Twitter, nach einem Interview mit einer Ärztin aus Wuhan, die das Ausmaß der Verschleierung näher beleuchtet. Das Gespräch mit Ai Fen, der Leiterin der Notaufnahme des Zentralkrankenhauses von Wuhan, erschien am 10. März in dem Magazin „Renwu“. Der Ton der Ärztin war mild, sie erzählte nur von ihren Erfahrungen. Doch die Frage, die das Interview aufwarf, war unausweichlich: Wenn die Behörden so früh wussten, dass das Virus unter Menschen ansteckend ist, warum handelte dann niemand? Und in einem überraschenden Akt kollektiver Subversion gelang es den chinesischen Internetnutzern, die gleich auf den Plan tretende Zensur zu überlisten.

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          Als Ai Fen am 30. Dezember die Laborwerte eines Patienten mit Lungenentzündung bekam, umkreiste sie mit einem Rotstift den Befund „Sars Coronavirus“. Sie meldete die Diagnose sofort im Krankenhaus und warnte ihre Kollegen in der Abteilung, sich besser zu schützen. Zugleich schickte sie ein Foto des Befunds an frühere Kommilitonen. So gelangte die Nachricht von der hochansteckenden Krankheit in die Ärztekreise von Wuhan. Ihr Chef aber herrschte sie an: „Wie kannst du ohne Parteidisziplin Gerüchte verbreiten?“ Sie wurde aufgefordert, ihre mehr als zweihundert Kollegen mündlich zu drängen, Informationen über die Lage zu verschweigen. Sie sollte dabei weder SMS noch Weixin (eine ähnliche App wie WhatsApp) benutzen, sondern nur persönlich oder übers Telefon sprechen: „Sogar deinem Mann darfst du nichts verraten“. Man warf ihr vor, die Prosperität der Stadt zu gefährden. Ai Fen war verzweifelt. Als sie am Abend nachhause kam, sagte sie ihrem Mann nur: „Falls mir ein Unglück zustößt, pass gut auf unser Kind auf.“ Das Kind ist ein Jahr alt, ihr Mann war verwundert, warum ihm seine Frau so etwas sagte. Erst als am 20. Januar der renommierte Virologe Zhong Nanshan öffentlich sagte, dass dieses Virus von Mensch zu Mensch übertragen werden kann, wusste ihr Mann, was seine Frau erlebt hatte.

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